Die fremde Magie

Kapitel 1 – The Woods: Das Geheimnis des Herzens


Während wir in das Boot steigen, verliere ich beinahe das Gleichgewicht, weil ich mich ununterbrochen umsehen muss. „Alma, geht es Dir gut?“, fragt Ariadne mich und ihr eindringlicher Blick lässt fast meine Mauern fallen. „Was? Ähm, naja, ich bin nass. Aber sonst…“ Ich lache verlegen und sie lächelt. In ihren Augen liegt immer noch Sorge, aber zumindest ein bisschen ist sie besänftigt. Als wir uns hingesetzt haben, fängt Isaac zügig an zu rudern. „Macht euch keine Sorgen. Es ist eben erst dunkel geworden, die Monster sind noch nicht aus ihren Löchern gekommen, wir haben nichts zu befürchten. Oder hast Du etwas gesehen, Alma?“ Ich zucke zusammen. Sofort blitzt in meinem Kopf wieder die sonderbare Kreatur mit den leuchtenden Augen aus der Höhle auf. „Nein!“ – Warum erzähle ich ihnen nicht davon? Isaac runzelt die Stirn. Aber er wirkt mehr belustigt über meine Ängstlichkeit, als skeptisch. „Wir sind ja gleich auf dem offenen Wasser“, beschwichtigt er mich mit einem warmen Lächeln und ich nicke.

Als wir endlich im Haus von Isaac und Ariadne ankommen, müssen wir erstmal durchschnaufen. Es hat auf dem Heimweg angefangen zu regnen und jetzt sind wir wieder komplett nass. „Puh“, seufzt Ariadne erschöpft. „Ich bin doch keine Wasserfee, das ist doch alles doof.“ Ihre Flügel hängen schlaff herunter und sie schüttelt sie traurig. Wassertropfen und Feenstaub rieseln glitzernd zu Boden. Isaac lacht und geht an uns vorbei in den Keller, wo sich sein Lager befindet. Ariadne und ich folgen ihm. Unten angekommen fängt jeder an den Inhalt seines Rucksack in die Schubladen einzusortieren. Das prasselnde Geräusch des Regens und das Klappern, während Ariadne und Isaac ihre Rüstungen ablegen, hallen durch die Etagen.
Mir fällt das vertrocknete Brot, das Ariadne gefunden hat, in die Hände und ich muss wieder an Gewyns Plan mit den Pferden denken. Als ich hierher gekommen bin, war Isaac gerade darüber eine Koppel zu bauen, aber das ist jetzt schon wieder etwas her, deshalb hab ich da gar nicht mehr dran gedacht.
„Wollen wir uns jetzt eigentlich noch mit den anderen beiden bei Ezra treffen?“, fragt Ariadne in die Runde und lächelt mich fröhlich an. Das tun wir nämlich normalerweise immer. Eigentlich, damit man nicht so einsam ist und sich vielleicht noch erzählen kann, was man den Tag über so geschafft hat. Aber wahrscheinlich auch deshalb, weil Ezra nicht nur das größte Haus von uns allen hat, sondern auch einen ziemlich tollen Pool.
„Ja, lass mal machen. Ich wollte Ezra sowieso noch was geben“, antwortet Isaac, „Aber wir müssen erst noch was trockenes anziehen, denk ich.“ „Seid ihr mir böse, wenn ich zu Hause bleibe? Ich bin müde…“, sage ich leise. Ariadne kommt zu mir heran und nimmt meine Hand. „Sollen wir Dich rüber bringen? Es ist dunkel!“ „Unsere Häuser sind nur ein paar Meter auseinander, das werd‘ ich schon überleben“, lache ich und wünsche den beiden eine gute Nacht.

Mein Schwert so sehr umklammernd, dass meine kalten Fingerknöchel weiß hervortreten, eile ich fröstelnd rüber in Richtung meines Hauses. Es liegt an dem kleinen See, in dem auch das von Isaac und Ariadne auf Stelzen gebaut ist, in einen Berg eingearbeitet. Da es noch recht unfertig ist, gibt es von vorne keinen richtigen Eingang und ich muss hintenrum den Berg hoch und dann durch die Felder, die dort angelegt sind. Hinter denen geht eine Treppe in den Berg rein und dort ist ein kleiner Raum mit einer Tür, die in mein Schlafzimmer führt, was auch gleichzeitig eine Art Arbeitszimmer ist. Der Weg ist recht verwinkelt, weshalb ich mir weniger Sorgen um Monster machen muss als auf der freien Fläche – trotzdem habe ich viel mehr Angst, als ich eben vor den anderen zugegeben hätte.
Ich trete meine Füße auf der rosa Fußmatte ab und gehe durch die Fichtenholztür ins Warme. Mir geistern die Worte „Sie hat ‚zu Hause‘ gesagt.“ im Kopf herum – ich habe sie Ariadne zu Isaac flüstern gehört, als ich gerade gegangen bin.
Isaac und Ariadne haben mir ihre Ressourcen zur Verfügung gestellt um dieses Haus hier zu bauen. Und er hat sogar viele Dinge hier drin selbst gemacht, weil er schon so viel Erfahrung gesammelt hat und keinen Grund sah, warum ich es hier nicht schön und gemütlich haben sollte. Aber trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen, ist es jetzt nicht unbedingt das hier, was zu meinem Zu Hause wird, auch wenn ich es vielleicht so nenne, sondern das sind eher Isaac und Ariadne – irgendwie. Soweit ich das einschätzen kann, sind sie zwar zu jung um meine Eltern sein zu können, aber irgendwie fühlt es sich manchmal so an.
Erleichtert stelle ich meinen Rucksack auf dem Boden ab und ziehe meine Rüstung aus um sie dann auf dem Rüstungsständer zu befestigen. Dann mache ich mich auf den Weg runter durch meine zukünftige Küche – der Raum ist bisher noch leer und auf einer Seite nicht einmal verkleidet – und dann über eine Leite noch ein Stockwerk weiter nach unten, wo sich mein Lager befindet. Hier sind die einzigen Öfen im Haus bisher, deshalb ernähre ich mich meistens nur von Fleisch, Brot und Rohkost, was nicht sonderlich aufwendig zu machen ist. Umso leckerer schmeckt es deshalb, wenn ich bei den anderen zum Essen bin.
Schnell nehme ich mir ein Stück Hühnchen und eine Flasche Apfelsaft mit und gehe wieder nach oben. Der lange Gang mit den vielen Schubladen ist zwar hell ausgeleuchtet und der rote Teppich verdrängt die Kälte und den Hall, aber durch die schiere Größe finde ich es schon irgendwie gruselig und halte mich hier deswegen nicht unbedingt gerne auf.
Während ich an dem etwas trockenen Fleisch – ich habe es bevor wir los gegangen sind in den Ofen gelegt – knabbere, räume ich einhändig meinen Rucksack aus. Neben ein paar Kleinigkeiten, hole ich das große rote Buch heraus, dass mir Isaac geschenkt hat, und lege es auf meinen Schreibtisch. Vielleicht schreibe ich nachher noch was rein.
Mit einem Taschentuch, das ich mir auf den Schoß lege, setze ich mich dann auf mein Bett und schaue durch die Fensterfront nach draußen, während ich esse. Auf der anderen Seite des Sees steht eine kleine Herde von Kühen, drumherum hier und da ein Skelett.
Ich habe mich früher immer gefragt, warum die Monster die Tiere, die hier leben, eigentlich in Ruhe lassen. Ich weiß es immer noch nicht, aber ich glaube, sie töten einfach aus Boshaftigkeit und Hass – Tiere würden vermutlich keine Reaktion zeigen, als instinktives Weglaufen und Panik. Entweder wäre das also zu langweilig oder es liegt tatsächlich daran, dass wir hier nicht hergehören… Aber das wissen wir ja nicht. Wir wissen ja nicht, wo wir herkommen oder wo wir hingehen.

Plötzlich klopft es heftig an der Tür und ich erschrecke. Im ersten Moment denke ich, da ist jetzt irgendein Ungeheuer, aber mal davon abgesehen, dass diese wohl kaum mit einem Klopfen um Einlass beten würden, sind Monster irgendwie generell nicht intelligent genug um eine Tür als etwas anderes anzusehen als eine Wand. Aber so ist man drinnen immerhin sicher.
Ich wische mir schnell die Hände ab und lege den letzten Rest meines Hähnchens mit dem Taschentuch auf den Schreibtisch, bevor ich zur Tür gehe. Dort erwartet mich eine Überraschung.
Ezra steht draußen. Als ich die Tür öffne, hat er gerade seine Schuhe ausgezogen und stellt sie neben der Fußmatte ab. Der Regen ist stärker geworden und er will wohl nicht den ganzen Dreck mit reinschleppen. Wie aus allen Wolken gefallen stammele ich irgendetwas und gehe einfach nur zur Seite, damit er eintreten kann. Er schlägt seine Kapuze zurück und zieht den nassen Mantel aus, den er an einen Haken hängt. Erst nachdem ich die Tür wieder geschlossen habe und er sich zu mir umdreht, bemerke ich, dass sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breitgemacht hat und verkneife es mir schlagartig. „Du warst heute gar nicht mit drüben“, stellt er fest. „Ich war müde. Die Höhlentour war anstrengend“, erkläre ich leise. „Und eine Belastung. Also, ich meine… da runter zu tauchen.“
Wie jedes Mal, wenn sein blauer Blick den meinen trifft, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es liegt Magie in seinen Augen. Und obwohl ich schon eine Weile in dieser Welt mit übernatürlichen Wesen wie den Untoten überleben muss, hab ich mich noch immer nicht an die Übernatürlichkeit Ezras gewöhnt. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich die Zombies und Skelette inzwischen kenne, aber Ezra kenne ich nicht. Ich habe ihn noch nie zaubern gesehen, das ist gerade das erste Mal, dass wir überhaupt allein in einem Raum sind. Die wirklich tiefer gehenden Konversationen, die wir hatten, könnte ich an einer Hand abzählen.
„Was wolltest du denn?“, frage ich, nachdem er immer noch schweigt. Ezra greift in die Innentasche seiner Weste und holt ein kleines braunes Buch heraus. Er gibt es mir und setzt sich auf den kleinen Bücherschrank, der an der Stirnseite meines Betts steht.
Das Buch ist zerfleddert und die Seiten fallen teilweise heraus. Das braune Leder ist mit einer modrigen Staubschicht, die teilweise abgegriffen ist, bedeckt. Unvermeidlich muss ich das Gesicht etwas verziehen, auch wenn ich gleichzeitig fasziniert bin, wo Ezra das wohl her hat, es muss ziemlich alt sein. „Isaac hat das in der Höhle gefunden“, klärt Ezra mich auf, während ich das Schriftstück aufschlage. „Ach, er meinte vorhin ja, er wollte Dir noch was geben.“
Als ich mich an vorhin erinnere, fällt mir auf, dass Isaac und Ariadne anscheinend nicht begründet haben, warum ich nicht dabei war, sonst hätte sich Ezra erstens nicht gewundert und wäre zweitens vermutlich gar nicht hergekommen, weil ich ja meinte, ich wäre müde. Eigentlich wollte ich gleich ja auch schlafen gehen, aber jetzt ist Ezra da. Nach so kurzer Zeit? Er muss die anderen ja regelrecht rausgeschmissen haben.
Mein leicht stirnrunzelnder Blick hängt an ihm, was mir erst nach ein paar Sekunden auffällt. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sieht er mich fragend an. Ich schüttele kurz den Kopf. „Waren die anderen gerade wohl nur kurz bei Dir drüben, damit Isaac Dir das geben konnte? Ich bin ja auch eben erst zur Tür rein.“ Er kratzt sich am Kinn. „Ehrlich gesagt, hab ich sie weggeschickt, weil ich Dir das sofort zeigen wollte. Sie wissen auch gar nicht, dass ich nochmal los bin.“ „Oh, aha…“ Tatsache. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und zünde die Kerze darauf an um das Buch etwas besser begutachten zu können. Nun sehe ich nämlich, dass die Schrift, die ich für eine unleserliche Handschrift gehalten hab, in Wirklichkeit eine ganze andere Sprache ist, die ich gar nicht lesen kann. Anhand der Skizzen am Seitenrand kann ich mir beim Durchblättern allerdings erschließen, dass es sich um das Memoire eines Minenarbeiters handeln muss, denn da sind Zeichnungen von Holzkonstruktionen, Mechanismen, Werkzeugen, sogar von Höhlenspinnen.
Höhle.
Ich muss an die Kreatur mit den leuchtenden Augen denken und meine Augen schweifen wieder ins Leere.
„Jaja, aber blätter mal weiter nach hinten“, sagt Ezra plötzlich direkt neben meinem Ohr und ich zucke zusammen. Während er die Seiten weiter blättert, starre ich auf seine Hand, als wäre sie ein fremdartiges Tier. Muss er sich so lautlos bewegen? „Entschuldigung“, in seiner Stimme hört man sein Grinsen. Wie peinlich.
„Da Isaac es ja in der Mine gefunden hat, wird es wohl von einem Minenarbeiter stammen“, erklärt Ezra. Er spricht leiser. Ich sehe ihn an. „Da steht alles Mögliche über Spinnen drin und eben auch… andere Kreaturen.“ Das warme Licht meines Zimmers glimmt in seinen Augen und seinen kurzgeschorenen roten Haaren, was wohl von dem Flackern der Kerze kommt. Er schaut mich erwartungsvoll an, ob ich ihm folgen kann. „Kreaturen, die es hier früher anscheinend gab.“ Ich blinzele und wende mich wieder dem Buch zu. „Also, früher, bevor wir da waren. Denn zumindest hab ich sowas noch nie gesehen.“ Auf der Seite, die Ezra aufgeschlagen hat sind Fußabdrücke abgebildet. Es sind Hufe, aber da es Paarhufe sind, können sie nicht von Pferden stammen. Für eine Kuh sind sie zu schmal und filigran. Ich muss an die Augen denken, die ich in der Höhle gesehen habe. Ich will es Ezra erzählen, aber ich habe wieder die gleiche seltsame innerliche Hemmung wie bei Isaac und Ariadne. Also versuche ich so entspannt wie möglich zu sein. „Gut, aber dass die Tiere, die wir kennen nicht schon immer so waren, ist doch gar nicht so abwägig, oder? Außerdem könnte es doch auch sein, dass wir einfach noch nicht alle gesehen haben. Selbst Du nicht.“ „Das ist richtig, was mich beunruhigt ist die nächste Seite“, entgegnet Ezra und blättert um.
Käfige, seltsame Instrumente, Knochen, Skelettstrukturen – auf einem ausgerissenen Blatt, das in das Buch geklebt wurde, mit einer anderen Handschrift. Es wirkt, als hätte der Besitzer des Buches, diese Seite von irgendjemandem gestohlen. Auf der Seite daneben ist ein Fließtext, der sehr hastig geschrieben wurde, die unteren Zeilen werden größer. Als ich das Buch in die Hand nehme, rutschen noch mehr Blätter ein Stück heraus, der Schrift nach zu urteilen, gehören sie zu dem Blatt mit den Käfigen. Bei dem obersten verziehe ich das Gesicht. Es zeigt die Skizze eines menschlichen Fußes, bei dem die Haut und teilweise die Muskeln entfernt wurden. Auf dem nächsten, das gleiche mit einem ganzen Arm, dann irgendein Organ, das ich wirklich nicht erkenne – ich lege den Stapel umgedreht auf den Tisch. „Mein Gott…“, murmele ich angewidert und werfe einen kurzen Blick zu Ezra. Er fährt sich durch den Bart. „Ezra reicht, hm.“ Ich lache ungläubig. „Sehr witzig.“ Gerade bevor ich irgendwas zu dem ganzen sagen kann, verdutzt mich die Zeichnung auf der nächsten Seite des Buches – eine Frau. Eine Frau, die durch den dünnen, drahtigen Körper und die sehr langen Haare eher einem Gespenst gleicht, aber sie bedeckt die volle Länge der Seite und der Zeichner hat sich sichtbar Mühe gegeben ihre Schönheit festzuhalten. Ich blättere weiter und versuche mir aus alle dem irgendetwas zusammen zu reimen, was nicht wirklich funktioniert. Auf den nächsten Seiten folgt wieder Fließtext, den ich nicht lesen kann. Dann am Ende ein unsicher hingekritzeltes Symbol – ich erstarre. Ich kenne das.
„Ja, so habe ich auch geschaut“, sagt Ezra. Er weicht mir aus, als ich aufstehe, und setzt sich dann wieder auf den Bücherschrank. Ich gehe mit dem Buch in der Hand zum Fenster, wo ich mich spiegeln kann, und schiebe mit der flachen Hand meine Haare nach oben, um das Symbol auf meiner Stirn freizulegen – die Ähnlichkeit mit der Skizze in dem Buch ist unübersehbar.
„Alma!“, sagt Ezra, der nun auf einmal wieder neben mir steht. „Ja, was denn!“ Ich sehe sein Spiegelbild an und dann wieder auf die Zeichnung. „Ja, sag doch was!“ Ich schüttele den Kopf. „Ja, keine Ahnung! Das da bin auf jeden Fall nicht ich!“, entgegne ich, während ich auf der Seite zuvor, energisch auf die Zeichnung von der Frau tippe. „Was auch immer das alles überhaupt miteinander zu tun hat.“ „Ja, das weiß ich auch…“ Ezra nimmt mir das Buch aus der Hand. „Nein, weißt Du nicht. Theoretisch könnte ich so aussehen, aber meines Wissens hast Du mich nie nackt gesehen!“
Gestresst gehe ich zum Schreibtisch zurück und schnappe mir das noch verbliebene Stück Hühnchen. „So hab ich das auch nicht gemeint! Ich mein… das ist ’ne Zeichnung, da…“ „Vergiss es. ‚tschuldigung.“ Ich nehme einen großen Bissen um nicht noch irgendwas sinnloses sagen zu können und warte jetzt einfach mal ab, was Ezra, der ja ach so schlau ist, dazu zu sagen hat.
„Ich will in die Mine, mit Dir.“ Ich verschlucke mich fast. „Nicht dein Ernst“, brumme ich und schlucke runter. „Du kennst Dich da wenigstens ein bisschen aus! Und außerdem…“ „Nein! Ich gehe da nicht nochmal runter!“ Ezra hebt abwehrend die Hände. „Gut. Dann gehe ich mit Isaac, der wird sowieso noch irgendwann den Rest der Höhle ausräumen wollen.“ „Nein.“ Er kneift irritiert die Augen zusammen. Ich wische meine Hände ab und werfe das zusammengeknüllte Taschentuch auf den Schreibtisch. Niemand von uns sollte da runter gehen. Verdammt. Ich muss es jemandem sagen. „Ich glaube, das ist keine gute Idee“, stottere ich. Ezra kommt vom Fenster her zu mir rüber. Jeder andere hätte mich mit Nachfragen durchlöchert, doch er drängt mich nur mit seinem Schweigen und seinem scharfen blauen Blick zu einer präziseren Aussage. „Ich… habe etwas gesehen.“ „Etwas?“ Ich seufze und setze mich auf den Schrank, er folgt mir, wobei ich ein Stück wegrutsche um Platz zu machen. „Da war irgendwas mit leuchtenden Augen, in der Höhle, kurz bevor ich über den Wasserfall wieder nach oben geschwommen bin. Die anderen waren schon oben.“ Skeptisch runzelt er die Stirn. „Es war total merkwürdig“, fahre ich fort. „Ich habe sehr seltsame Geräusche gehört, bei denen es nicht erkennbar war, aus welcher Richtung sie kamen. Und da war kein Körper. Nur… Dunkelheit. Wirklich, ich hab sowas noch nie erlebt.“ Er kratzt sich am Kinn. „Hm.“ Irgendwie sehe ich in seinen Augen, dass er jetzt erst recht da runter will.
„Weißt Du, warum ich das nicht in meinem magischen Inventar transportiert habe?“, er hält das Buch hoch. Gebannt starre ich darauf, weil mir das gar nicht aufgefallen ist. „Du hattest es in deiner Weste…“, murmle ich. „Es hängt irgendeine Magie daran, irgendetwas fremdes, was ich nicht kenne, deshalb funktioniert es nicht.“ Will er damit andeuten, dass das Ding, was ich gesehen hab, aus einer anderen Welt kommen soll? Deshalb die fremde Magie? „Verstehst du? Als würden die Gesetze dieser Dimension dafür nicht gelten.“
Ich sehe ihn an. Ratlosigkeit und Neugier sind Dinge, die ich selten in seinen Zügen gesehen habe. Und das fasziniert mich irgendwie. Ich warte darauf, dass Ezra weiter spricht, aber der Moment endet nicht. Er wirkt, als würde er seine Worte in Gedanken durchgehen, während er durch mich hindurch ins Leere starrt. Mir wird das irgendwie unangenehm, weshalb ich einen Blick zu der Uhr links neben meiner Fensterfront werfe – Ezra muss beinahe schon eine Stunde hier sein, obwohl mir das gar nicht so lang vorkam.
„Das gleiche hängt übrigens an Dir.“ Ich erschrecke mich, als er das Schweigen bricht, auch wenn ich es nicht zeige, und schaue ihn irritiert an. „Was?“, sage ich leise. Ezras Augen sind dunkel und eindringlich. Sie treiben meinen Herzschlag nach oben, nach wie vor. Ich weiß wirklich nicht, warum. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich vielleicht sogar ein bisschen Angst vor ihm habe. Wobei ich da wiederum auch nicht sagen kann, warum eigentlich. Der Mann ist ein einziges großes Rätsel.
So wie er mich allerdings gerade ansieht, bin ich das, glaube ich, selbst. Bevor ich mich aber in seinen geweiteten Pupillen verliere, muss ich die Reißleine ziehen.
„Können wir darüber ein anderes Mal reden?“, sage ich und ich muss etwas schmunzeln, weil ich automatisch flüstere und das irgendwie so dramatisch klingt. „Ich bin wirklich müde und das ist mir alles gerade zu tiefsinnig. „Ja, sicher…“, er steht auf. „Kein Problem. Da ergibt sich bestimmt was.“ Er nimmt seinen Mantel vom Haken und zieht ihn an, seine Augen nachdenklich nach unten gerichtet. „Entschuldige, dass ich Dich vom Schlafen abgehalten habe. Isaac meinte noch, Du wolltest ja ins Bett gehen.“ „Also doch.“ „Hm?“ Ich stehe auf und öffne ihm die Tür. „Naja, ich dachte erst, die anderen hätten gar nichts gesagt, weil Du ja trotzdem noch hergekommen bist… Aber schon okay.“ Ich lächele ihn an, als er dann draußen steht und lehne mich in den Türrahmen. Es ist sehr angenehm, dass Ezra Dinge auch einfach mal ohne Nachfrage hinnehmen kann.
Die frische Nachtluft klärt meinen Kopf ein wenig. Es ist ruhig, kein Geräusch zu hören, nicht einmal der Wind. „Naja, es war dringend“, meint Ezra und ich lache verlegen. „Oh, ja.“ Das habe ich nun auch verstanden. Und irgendwie war ich auch froh, noch etwas Gesellschaft zu haben, nach den Erlebnissen in der Höhle heute.
„Naja, dann. Komm gut nach Hause.“ Ich sehe ihn an und er nickt mit einem Lächeln. „Gute Nacht.“ Als er seine Kapuze überzieht und sich wegdreht, fällt mir gerade noch etwas ein. „Ach, Ezra?“ „Ja?“ Erwartungsvoll dreht er sich um. Sicherlich hofft er immer noch, dass ich doch mit ihm in die Mine komme.
„Ist Isaac eigentlich nichts aufgefallen an dem Buch? Hat er es sich angesehen? Hat er irgendwas gesagt?“ Er steckt die Hände in die Manteltaschen und zuckt mit den Schultern. „Naja, es ist bestimmt ziemlich dunkel da unten, und außerdem hat er das Mal auf Deiner Stirn vermutlich auch noch nie so wirklich gesehen.“ „Hm…“, murmle ich und richte meine Frisur, die ich ja vorhin zerstört hab. Er hat Recht, meistens sind da meine Haare drüber. „Aber Du hast es sofort erkannt? Wann hast Du es denn dann gesehen? So viele Möglichkeiten gibt es da ja nicht…“
Ich weiß, er achtet mehr auf sowas, als es die anderen vielleicht tun. Er ist sehr aufmerksam und merkt sich die Dinge auch.
„Ebenso wie ich sofort erkannt habe, dass die Frau auf der Zeichnung nicht Du sein kannst, Alma. Als ich Dich aus dem Wasser gezogen hab. Am Anfang.“ „Oh.“ Ich spüre, wie ich erröte. Ein bisschen Enttäuschung, aber auch Belustigung liegt in seinen Augen. Als hätte ich das wissen müssen. Ohne noch irgendetwas zu sagen geht er die Treppen nach oben ins Freie.
Ich schließe die Tür.
Am Anfang.

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