Prolog: Leere und Nacht

The Woods: Das Geheimnis des Herzens


Kummer ist mein Körper auf den Wellen. Das Salz der Gischt brennt auf meiner Haut. Trocken und nass, heiß und kalt. Die Sonne scheint. So finde ich mich wieder, mit dem Gefühl da draußen auf der Suche nach meinem Selbst gewesen zu sein, es aber nicht gefunden zu haben. Oder es erst verloren zu haben…

Hypnotisch schaukelt das Boot hin und her. Mit gleichmäßigen Bewegungen zieht Isaac die Ruder durch das Wasser. Die Sonne wird von seiner Rüstung reflektiert und erzeugt ein regenbogenfarbenes Spiel aus Licht und Schatten auf dem Gesicht von Ariadne, die nun bemerkt, dass ich sie ansehe. Sie lächelt und zupft sich eine Strähne ihres kupferfarbenen Haares aus dem Gesicht. „Wirst du auch nicht seekrank, Alma?“, fragt sie und grinst, „Du siehst etwas blass aus.“ Ich lache etwas verlegen und sehe nach unten. Der Wind hat die Seiten meines Buchs weitergeblättert, bis auf die paar Zeilen am Anfang, sind sie alle noch unbeschrieben. Isaac hat es mir gestern geschenkt – vermutlich wollte er mir eine Freude machen, bevor er mit mir darüber sprach, was für einen Anschlag er auf mich vorhat. Wir sind nämlich gerade auf dem Weg zu dem Ort, wo ich vor sehr langer Zeit aus dem Wasser gezogen wurde und somit mein Leben begann. Natürlich ist das nicht so lange her, dass mein Leben da tatsächlich begonnen haben kann, aber das erste, woran ich mich erinnern kann, ist, was ich eben in das Buch geschrieben habe. Und nur wenige Stunden später bin ich in diesem Fluss gelandet, aus dem sie mich dann gezogen haben. Ich sehe es als den Anfang meines Lebens, weil es sonst vermutlich geendet hätte.
Jetzt werden wir die Höhle hinab tauchen, die ich damals entdeckt habe, oder was auch immer sich in dem Spalt am Boden des Flusses befindet, in den ich, verwundet durch den Pfeil einer untoten Kreatur, beinahe gesogen worden wäre. Die beste Idee, die Isaac hätte haben können – aus irgendeinem Grund habe ich zugesagt.

Wir erreichen eine kleine Insel. Zwischen den teilweise mannshohen Sträuchern sieht man vereinzelte Schweine und sogar das eine oder andere Schaf herumsteigen und riesige Bambusgewächse ragen in den blauen Himmel. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in mir breit, wenn ich daran denke, dass ich die zarten, weißen Wolken gleich gegen ein dunkles Höhlengewölbe austauschen werde.
Eigentlich scheint die Sonne genauso, wie ich es gerade in mein Tagebuch geschrieben habe – wie an dem Tag, an dem ich angespült wurde. Damals schon habe ich mich gefragt, wie und wann die Tiere wohl auf diese kleine Insel gekommen sind, und jetzt frage ich es mich wieder, während Isaac das Boot langsam über den fast stillstehenden Fluss rudert. Jetzt mittlerweile weiß ich auch, dass weder Schweine noch Schafe freiwillig ins Wasser gehen, anders als Hühner zum Beispiel.
Rote, trichterförmige Blumen in verschiedenen Größen, teilweise kleine weiße und gelbe, Farne und Buchsbaumbüsche bewuchern den saftigen grünen Boden, zwischen dem Bambus wachsen vereinzelte Dschungelbäume, aber viel schlanker und mit weniger Blattwerk als es vermutlich im Regenwald der Fall wäre – so weit bin ich noch nie gereist. Wenn man nach unten sieht, kann man bunte Korallen an der Steilwand, die schließlich in das Flussbett mündet, erkennen, die sich in der sanften Strömung wiegen. Eigentlich sieht es schön aus, eine friedliche Umgebung. Und eigentlich hab ich auch gar nichts gegen Wasser.
Doch dann erkenne ich aufeinmal die Stelle wieder und mein Magen zieht sich zusammen. Ich bin froh, heute morgen nichts runterbekommen zu haben, sonst wäre Tauchen jetzt wohl keine gute Idee. „Da ist es.“ Ich zucke zusammen, als Ariadne kurz meine Hand drückt. Blinzelnd sehe ich sie an, die glitzernden Lichtreflexionen in ihren Flügeln blenden mich. Sie musste noch weniger Lust auf das Wasser haben als ich, Feen sind echt nicht zum Schwimmen geeignet.
„Vielleicht möchtest Du doch lieber oben warten?“ „Deshalb bin ich nicht mitgekommen“, entgegne ich. Es überrascht mich, dass ich das Zittern meiner Stimme eigentlich schon beim zweiten Wort unterdrücken kann. „Außerdem wäre das auch nicht wirklich schlau“, wirft Isaac ein, „Schließlich wird es irgendwann auch dunkel und dann kommen die Monster.“

Der Anfang meiner Erinnerung besteht quasi darin, dass ich in diesem Fluss beinahe ertrunken wäre, natürlich habe ich Angst. Aber ich will selbst sehen, was da unten ist, und außerdem gibt es in dieser Welt weitaus schlimmere Dinge – auch wenn ich sie noch nie gesehen habe. Aber Isaac und Ariadne sind schon viel länger hier. Und Ezra, der jetzt gerade mit Gewyn zu Hause in Sicherheit ist und unser Hab und Gut hütet – Ezra ist schon so lange hier, dass er sich selbst nicht mehr daran erinnern kann, wie er hergekommen ist – Zumindest sagt er das immer. Da er ein Hexer ist, liegt es vielleicht in seiner Natur mysteriös zu sein, aber dennoch glaube ich, dass er viel mehr weiß und sich an viel mehr erinnern kann, als er zugibt. Das kaufe ich ihm nicht ab. Aber in einer anderen Sache, glaube ich ihm aufs Wort – dass es in dieser Welt Orte gibt, die man nicht auf natürlichem Wege erreichen kann, die man sich nicht mit einem natürlichen Verstand vorstellen kann. Ich möchte aber gar nicht wissen, ob er sie gesehen hat. Ob er dort vielleicht herkommt.
Jedenfalls kann unter diesem Fluss nicht das Ende der Welt liegen, es ist vermutlich weitaus harmloser – das nicht zu vergessen fällt mir eindeutig schwerer, als wir dann im Wasser sind.
Es ist kalt, aber nicht zu kalt, schließlich sind wir hier in einem tropischen Biom. Ariadne, Isaac und ich schwimmen bis zur Mitte des Flusses, Isaac taucht ohne Vorwarnung als erster ab. Ariadne und ich müssen folgen.
Um mich herum wird es still. Die Geräusche der Luftblasen, die wir aufgewühlt haben, ebben ab. Die Schafe verstummen, das Rauschen der Wellen verstummt. Mit gleichmäßigen Zügen bewegt Isaac sich auf den breiten Spalt im Sandboden zu, ich falle hinter Ariadne, die eben noch direkt neben mir war, zurück und starre in den weißen Sand, auf dem sich das Muster der Wasseroberfläche abzeichnet.
Meine Angst verstummt. Ich höre nur noch meinen Herzschlag und die dumpfen Geräusche unserer Schwimmbewegungen. Es ist friedlich. Ich beschleunige um den anderen hinterher zu kommen, als Ariadne sich nach mir umsieht. Friedlich – so ist, wenn das einzige Geräusch ein gleichmäßiges Klopfen ist, anstatt einem sich beinahe überschlagenden Rasen. Ohne das Kreischen in den Ohren, ohne den Schmerz, ohne das Blut.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt eine Erinnerung vor meinen Augen auf – Ezra, wie er meinen Oberarm packt und mich nach oben zurück zur glitzernden Oberfläche zieht – kurz bin ich desorientiert, weil anstatt dieser vor mir der Sandboden ist. Eine Erinnerung, nicht wie ich sterbe, sondern an Ezra, der mich rettet.
Zuversichtlich lasse ich mich von dem Sog, der jetzt gar nicht mehr so stark wirkt wie damals, erfassen und sinke direkt hinter Ariadne in den Spalt.
Es wird dunkel und mit gurgelnden Geräuschen trägt das Wasser uns hinab. Mir wird etwas schwindlig, deshalb schließe ich die Augen. Ich taste um mich und meine Finger schleifen an einer bewachsenen Felswand entlang – weich, schwammig. Gerade als die Luft langsam knapp zu werden beginnt, treffen meine Füße plötzlich unsanft auf den Boden und ohne, dass ich wirklich merke wie, bin ich wieder an der Luft und strauchle beinahe, durch die plötzliche Schwerkraft und die neuen Eindrücke. Isaac stützt mich, damit ich mein Gleichgewicht wieder finde. Ich wische mir das Wasser aus dem Gesicht und blinzele, während meine Augen sich an das schwummrige Licht gewöhnen. Das Rauschen des Wassers gemischt mit einem und dem Rumoren einer Lavaquelle hallen durch die kleine Höhle, in der wir uns befinden.
„Das habe ich mir schon gedacht“, bricht Isaac die Stille und zeigt zum Ausgang der Höhle. „Es ist eine Mine.“
Beinahe in der Dunkelheit verblassend sieht man ergraute Holzplanken, die einen Gang formen. Schienen kann ich keine erkennen, aber es ist auch wirklich sehr dunkel. Isaac geht los und Ariadne, deren Flügel jetzt etwas traurig und schlapp nach unten hängen wirft mir einen Blick zu, der sagt „Geht es dir gut?“. Ich lächele, nein, ich grinse sogar, denn ich habe es überstanden. „Das scheint sich ja jetzt wirklich ganz schön zu lohnen“, beschwichtige ich sie und wringe meine Haare aus. „Ja, hoffentlich! Umsonst will ich mich nicht nass gemacht haben!“ „Kommt ihr jetzt mal?“, drängt Isaac, der schon einige Meter weg ist. Ariadne und ich lachen und folgen ihm, sie greift nach der Hand des Grauhaarigen und so gehen wir einige Zeit lang schweigend nebeneinander her. Isaac steckt die Wände mit Fackeln ab, bis wir schließlich an eine Kreuzung gelangen.
Zu beiden Seiten führen schmale Gänge weg, in denen Schienen verlegt sind, die teilweise von Moosen und Flechten überwuchert und damit kaum mehr sichtbar sind.
Geradeaus geht es auch noch weiter, aber wir beschließen uns aufzuteilen und die Bereiche links und rechts von diesem Hauptweg getrennt zu erkunden, da es sowieso recht eng ist und wir so auch schneller vorankommen.
Isaac überträgt uns die Hälfte der Fackeln und macht sich nach rechts auf, während ich mit Ariadne nach links gehe. Ich überlasse ihr das Ausleuchten, da ich mich mit magisch komprimierten Objekten echt schwer tue. Kurze Zeit, nachdem ich hier hergekommen bin, wollte Ezra mir einmal erklären, wie man Gegenstände unabhängig von der Größe zu einem Stack von bis zu 64 Stück komprimieren kann, obwohl ich das schon von Anfang an gesehen und gemacht habe, und seitdem habe ich das Gefühl, dass diese Welt zwar so funktioniert, so wie die Sonne im Osten auf und im Westen untergeht und so wie man atmet und rennt und Wasserfälle nach oben schwimmt und so wie Magie durch alles läuft, als wäre sie Luft und Wasser und Erde – aber dass Ezra eben eine andere Sicht darauf hat.
Ich glaube, er kommt aus einer anderen Welt und er weiß das. Es ist angsteinflößend. Faszinierend, aber angsteinflößend. Vielleicht kommen wir alle aus dieser anderen Welt und deshalb finde ich komprimierte Objekte befremdlich.

„Alma? Hörst du mir überhaupt zu?“ Ich zucke zusammen und sehe Ariadne an. Sie hockt ein paar Schritte weiter vor einer Lore mit einer Kiste darin, an der sie sich gerade zu schaffen macht. „Ähm, was?“ „Anscheinend nicht“, lacht sie und hält einen bräunlichen Klumpen hoch. „Ich hab dich gefragt, ob du denkst, dass man das noch essen kann.“ Ich trete näher und bei genauerem Hinsehen kann ich erkennen, dass es sich um ein Brot handelt. Ich muss grinsen. „Das sieht aus, als könnte man damit jemanden erschlagen.“ Ariadne zuckt mit den Schultern und steckt es in ihre Tasche. „Gewyn kann es vielleicht seinen Ponies geben“, sie steht wieder auf und ich werde hellhörig. „Ach, warte mal, hat er dich eigentlich schon gefragt? Er wollte morgen zu der großen Ebene nördlich von zu Hause gehen und Pferde zähmen.“ Meine Mundwinkel gehen nach oben und zügig laufe ich Ariadne hinterher, die schon ein paar Schritte weiter ist. Ich habe noch nie ein Pferd gesehen und Gewyn weiß das, wir haben öfter mal darüber geredet. „Und da soll ich mit?“, frage ich Ariadne mit einem breiten Grinsen. Unsere Schritte hallen durch das Tunnelgewölbe, während wir den Gang weiter gehen. „Ja, genau. Bestimmt fragt er dich heute Abend danach, wenn wir uns alle bei Ezra treffen.“

Ariadne und ich beginnen damit Eisen und Rotstein aus den Felswänden zu schlagen. Ich versinke in Gedanken über die Pferde und die anderen Tiere hier und darüber, ob sie auch aus einer anderen Welt kommen oder ob sie hier her gehören und deshalb auch nicht von den Untoten angegriffen werden.
Ariadnes Flügel sind irgendwann wieder trocken und sie sagt, dass sie unterirdisch wirklich nicht gut aufgehoben ist, weil es kein Licht gibt und sie nicht fliegen kann. Außerdem ist es auch irgendwie dreckig.
Ich vergesse die Zeit. Irgendwann werden wir von einer Höhlenspinne überrascht und ich weiß nicht, ob ich mehr vor der oder vor Ariadnes Kreischen erschrocken bin – jedenfalls bin ich danach wieder wach – die Dunkelheit und die Eintönigkeit unserer Umgebung gepaart mit den Wassertropfen, die teilweise aus dem Stein sickern, und dem Hallen, mit dem die Geräusche unserer Schritte und unsere Spitzhacken sich in die Finsternis ausbreiten, haben mich in eine Art Trance versetzt. Ohne, dass wir nur ein Wort darüber diskutieren müssen, ist es beschlossene Sache, dass wir uns auf den Rückweg machen – beziehungsweise, dass ich Ariadne auf den Rückweg folge, denn während ich die Spinne erschlagen habe, war sie schon einige Meter weg geflüchtet und hat das Spektakel sich panisch an ihrer Fackel festklammernd aus der Entfernung beobachtet.

Mit zügigen Schritten gehen wir zurück zu der Abzweigung, wo wir uns von Isaac getrennt haben. Mir läuft immer wieder ein Schauer über den Rücken und die Schatten, die das Licht der Fackeln auf die unregelmäßige Felswand wirft, scheinen uns wie lange schwarze Flammen hinterher zu züngeln. Ich möchte hier auch nicht länger bleiben, vor Allem jetzt nicht mehr, da mir klar wird, dass wir wohl eigentlich wahnsinniges Glück hatten, nicht noch mehr ekelhaftem Getier begegnet zu sein.

Als wir wieder beim Ausgangspunkt ankommen sind setzen wir uns auf einen kleinen Vorsprung in der Wand und ich krame aus meinem Rucksack zwei mit Hähnchen und Käse gefüllte Tacos heraus, von denen ich einen Ariadne reiche. Sie seufzt zufrieden und beißt hinein. Von neuen Lebensgeistern erfüllt, scheint sie den Schrecken von eben, wegen der Spinne, gleich vergessen zu haben und man könnte fast schon meinen, ihr Gesicht würde wieder etwas mehr Farbe annehmen. Es gibt wirklich genau zwei Möglichkeiten, mit denen man ausnahmslos in jeder Situation ein Lächeln auf Ariadnes Gesicht zaubern kann: Isaac und – Essen.
Ersterer taucht nach einiger Zeit tatsächlich auch im Dunkel des Tunnels auf. Isaacs silbergraues Haar ist von Spinnenweben bedeckt und ein Kratzer ziert seine Wange. „Na, dass ihr schon wieder zurück seid und euch hier verköstigt, war ja klar“, brummt er scherzhaft und setzt die Spitze seines Schwertes auf dem Boden ab, die Hand locker darauf abgestützt. Ariadne steht auf und legt ihren Taco mit dem Papier auf dem Vorsprung ab. „Wie’s aussieht war bei dir etwas mehr los?“, stellt sie besorgt fest und geht zu ihm. Isaac schieb sein Schwert in die Scheide und nimmt seinen Rucksack ab. „Ich hab ein Spinnennest gefunden. Und ihr so?“ Ariadne lacht und streichelt seinen Bart. „Das sieht man, hat dich eine erwischt oder was war das da?“ Sie deutet auf den Kratzer. Isaac räuspert sich nur ausweichend und nimmt seine Fee in den Arm. Ich schmunzle in meinen Taco hinein – die beiden sind so süß.

Nachdem Isaac auch noch einen Bissen gegessen hat, machen wir uns zu dritt auf den Weg zurück zum Eingang und ich berichte ihm, was Ariadne und ich so alles gesammelt haben.
Obwohl ich jetzt weiß, dass ich vor dem Wasser keine Angst mehr haben muss, habe ich irgendwie noch weniger Lust mich nass zu machen als auf dem Herweg – ganz zu schweigen von Ariadne. Wir drücken uns also beide davor zuerst hochzuschwimmen, aber Isaac meint, dass er sowieso gerne die Vorhut machen würde, um sich zu versichern, das oben am Ufer keine Monster lauern. Immerhin haben wir uns jetzt an die Kühle der Höhle gewöhnt, weshalb das Wasser sich wesentlich wärmer anfühlt, als vorhin, als wir aus der Sonne abgetaucht sind.

Isaac dringt also wie geplant als erster in den Wasserfall und Ariadne folgt ihm, sobald er weit genug voran geschwommen ist. Ich warte einen Moment und steige dann auch über das Geröll, worüber das Wasser sich in der Höhle ausbreitet, wobei ich mich an der feuchten Felswand festhalte. Plötzlich habe ich das Gefühl es wird kalt in der Höhle, als wehe ein Wind von der Mine her, obwohl ich keine Luftbewegung spüre. Ich schiebe es auf mein Unwohlsein unter der Erde und will einfach nur schnell raus hier jetzt. Als ich einen Fuß in den Wasserfall setze und das Plätschern lauter wird, höre ich plötzlich ein seltsames Geräusch hinter mir, dass ich überhaupt nicht einordnen kann. Wegen der sonderbaren Kälte, die sich in der Höhle ausgebreitet hat, fühle ich mich sowieso schon unwohl, aber trotzdem halte ich nochmal an um zurück zu schauen.
Zuerst denke ich, das Licht, das aus dem Höhlengang heranstrahlt, kommt von den Fackeln, die wir in der Mine angebracht haben, aber es hat eine sonderbare violett-purpurne Farbe und rückt flackernd näher, verschwindet dann wieder, glimmt wieder auf – wieder die eigenartigen Geräusche. Ich starre in die Dunkelheit, als würde sie meinen Blick aufsaugen. Da das Licht weg ist, glaube ich fast schon mir das irgendwie nur eingebildet zu haben, doch dann pötzlich blitzen zwei hell glühende Augen im Schwarz auf und ein kehliges Geräusch bröckelt an mein Ohr, als würde es aus meinem eigenen Kopf kommen, wie ein fremdartiges Gurgeln oder Knurren, eine Stimme, die irgendetwas sagt, aber erstickt wird – ich fahre zusammen und versuche meinen Blick von den leuchtenen Schlitzen zu lösen, während ich unter das Wasser taumele. Das Knurren wird zu einem  leisen Rauschen und Dröhnen, aber als ich Wasser ins Gesicht bekomme, ist es weg. Ich schwimme nach oben und kann die zwei Augen in der Höhle erkennen, näher als eben, aber ich sehe keinen Körper, es ist zu dunkel.
So schnell ich kann schwimme ich nach oben. Panik steigt in mir auf, weil ich erstens keine Ahnung hab, was das gerade war oder ob es mir folgt, und zweitens, weil ich in der Eile nicht genug Luft geholt habe. Ich versuche ruhig zu bleiben um nicht noch mehr Sauerstoff zu verbrauchen. Mir kommt der Wasserfall auf einmal viel enger vor, als beim Weg nach unten und ich stoße auch zwei Mal an den scharfkantigen Korallen an und schürfe mich auf. Als ich endlich am oberen Ende angekommen bin stoße ich mich aus dem Riss im zerklüfteten Flussbett ab und sehe die Oberfläche – es scheint Nacht geworden zu sein. Mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen, aber ich kann die Zeit, die ich beim hoch Schwimmen durch den Wasserfall verloren habe, jetzt wieder reinholen. Endlich an der Oberfläche angekommen schnappe ich nach Luft, wobei ich fast Wasser schlucke. Um mich herum dreht sich alles und ich habe das Gefühl nicht richtig sehen zu können, was aber auch an der Dunkelheit liegen könnte. Ariadnes fluoreszierende Flügel ziehen meinen Blick auf sich und ich kann mich orientieren – sie steht bereits im Boot.
Eine starke Hand greift meinen Unterarm und ich muss mich in Bewegung setzen. Angestrengt atmend zieht Isaac mich in Richtung Ufer. Kalter Wind trifft auf meine nassen Haare und dann auf meinen ganzen Körper, als wir aus dem Wasser steigen.

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