In deinen Armen [01]

Ich arbeite bei einer Spezialeinheit in Sydney, die gegen Terrorismus und Verbrechen höchster Gefahrenstufe kämpft. Wir hielten in einer unserer Stationen Staatsfeinde fest, die es geschafft haben auszubrechen. Sie haben zwei Helikopter übernommen. In einem Spezialeinsatz jagen ich, A2 Eo, und mein Partner A1 Pengo, das feindliche Flugobjekt, indem sich drei der Gefangenen und wie sich herausstellt 6 Geiseln befinden. Unter Anderem Angehörige unserer Agenten, die in der Beta-Station wohnen. Es sind Kinder dabei. Ich verstoße gegen Regeln um sie zu retten und weiß nicht, ob ich es überleben werde. Aber ich will Sie retten. Ich will – Ihn – retten. Wieso musste es Ihn treffen?

Über den Wolken

„A2 Eo, bitte melden!“ Die Maschine unter mir schnurrte und übertönte beinahe das schlechte Funksignal. Ich löste gerade die Halterung in der Tankstation und berührte dann die Schaltfläche am Lenker um Push-To-Talk zu aktivieren. „A2 Eo speaking, verlasse jetzt Underdeck Beta-Station“, antwortete ich meinem Partner und ließ mein Hinterrad durchdrehen, als das Tor mit einem wiederholten Piepen auffuhr.
Draußen schlugen mir das Tosen des fliehenden Helikopters und gleißendes Licht entgegen. Die Sonne stand hoch über Sydney und ich musste den Sonnenschutz meines Helms ausfahren um sehen zu können.
Irgendwo ertönte eine Sirene und signalisierte Ausnahmezustand.
Ich folgte dem Geräusch der Rotorblätter, welches sich immer weiter über uns erhob, direkt auf den Southern Cross Drive und gab der Basis sowie meinem Einsatzpartner die Position des feindlichen Flugobjekts durch. Auf dem Drive stellte ich angespannt fest, dass der Verkehr, obwohl es Sonntag und noch dazu Mittagszeit war, doch recht dicht war. Ich kam immer noch gut voran und konnte problemlos die Verfolgung halten, aber die vielen Zivilisten erschwerten den Plan, den Helikopter auszuschalten, erheblich.
„A2 Eo an A1 Pengo, Zivilistengefährdung, Plan fortsetzen?“, funkte ich meinen Partner an, während ich immer weiter beschleunigte um mit dem Helikopter mitzuhalten. „A1 Pengo speaking, die Verbindung ist schlecht!“ Ich biss mir genervt auf die Lippe. Was war an seinem Kommunikations-Assistenten kaputt, beziehungsweise wo trieb er sich herum? Er müsste doch schon längst die Alpha-Station verlassen haben um gleich zu mir zu stoßen. Ich überprüfte auf dem Navigationsdisplay vor mir, ob die Koordinatenübertragung aktiviert war. Alles funktionierte. Ich meldete mich noch mal bei Pengo.
„Ich hab gesagt -“, ein lauter Knall ließ mich zusammenzucken. Ich sah nach oben und sah wie der Helikopter strauchelte. Irgendjemand hatte ihn beschossen, aber anscheinend nichts beschädigt. Trotzdem bewegte er sich unkontrolliert in Richtung Boden und kam mehrere hundert Meter vor mir der Straße so nahe, dass sämtliche Autofahrer vor Schreck eine Vollbremsung hinlegten. Dadurch folgte dem Knall von eben nun ein Krachen durch mehrere Auffahrunfälle und lautes Hupen. „Staatsfeinde, natürlich wird der Plan fortgesetzt!“, hörte ich auf einmal. Bevor ich die Verbindung zwischen Pengo und dem Schuss eben knüpfen konnte, sah ich auch schon, wie ein wahnsinnig schnelles Motorrad die Wentworth Avenue angeschossen kam. Im Rückspiegel beobachtete ich wie Pengo eiskalt über die entgegengesetzte Fahrbahn zu mir herüber zog und aufholte. Wir näherten uns dem Unfallort, der zum Glück ein Stück hinter der Kreuzung lag.
„Kam eben die Bestätigung von der Basis“, informierte er mich und ich fragte mich, wieso ich das nicht gehört hatte. Vielleicht lag das alles ja doch an meiner Verbindung.
„Wo warst du, zur Hölle?“, schrie ich ins Funkgerät, während wir durch die chaotisch herumstehenden Autos manövrierten. Aber Pengo antwortete nicht mehr, er war schon vorgefahren. Bei über 200 km/h gab es langsam keine Gelegenheit mehr für Unterhaltungen.
Der Helikopter flog immer noch gefährlich nahe über dem Boden und das auch noch etwas instabil, als wäre der Pilot abgelenkt. Beinahe streifte er das nächste Schild. Das war nun allerdings unsere Chance.
Inzwischen waren wir wieder in dem Bereich, in dem die Autos geordnet auf ihren Spuren standen, auch wenn sich jetzt durch den Unfall und natürlich durch die Panik aufgrund des Helikopters alles staute. Ich sah, wie Pengo sich auf einem Mittelstreifen zwischen der linken und der mittleren Spur positionierte und dann offenbar den Autopiloten aktivierte, er löste nämlich die Hände vom Lenker und nahm den Raketenwerfer von seinem Rücken, den er anscheinend noch in der Basis geladen hatte. Sollten wir jetzt wirklich einfach mitten über den ganzen Menschen den Helikopter abschießen?! Da pfiff das Geschoss auch schon durch die Luft und schneller, als ich schauen konnte, zog das Gefährt eine Rauchfahne hinter sich her. Nun hatte er noch ein Schild mitgenommen und damit einen weiteren Massenverkehrsunfall verursacht. Die glückliche Begebenheit, dass sich die Fahrbahn nur auf vier Spuren verbreiterte, und auch die Geschwindigkeitsbegrenzung beugten jedoch ein noch größeres Verkehrschaos vor.
Gerade rechtzeitig vor einer Brücke zog der Helikopter wieder hoch und überflog sie. Die zwei Rechten spuren wurden abgelenkt in Richtung Domestic Airport und während Pengo auf den Standstreifen gewechselt hatte, manövrierte ich auf den zwei verbleibenden Spuren zwischen den Autos hindurch.
„Ich treib ihn von der Fahrbahn!“, hörte ich Pengo und er feuerte ein zweites Geschoss ab. Der Helikopter hatte ganz schön einen Hau weg. Bald würden wir auf eine freie Fläche beim Sydney Airport kommen, dann konnten wir den Helikopter entern. Da er jetzt erheblich langsamer flog, musste ich nicht mehr so rasen und konnte mich auf andere Dinge konzentrieren. Außerdem befanden wir uns jetzt auf einer erhöhten Fläche und mussten nicht ständig befürchten, dass der Helikopter irgendwo gegen krachte. Ich verband mich mit der Basis.
„A2 Eo an Basis! A2 Eo an Basis! Bitte melden!“ Es dauerte ein paar Sekunden, aber dann bekam ich eine Reaktion. „Höre!“ „Erreichen gleich den Sydney Airport. Bereite Enterung vor.“ Pengo sah zu mir herüber und bediente dann seinen Kommunikations-Assistenten um mithören zu können. „Verfolge Koordinaten.“, kam es von der Basis zurück.
Der Southern Cross Drive machte eine leichte Biegung nach rechts und wir fuhren nun zwischen dem Engine Pond und dem Mill Pond entlang. Mir fiel plötzlich auf, dass fast alle Menschen an der Kreuzung eben abgefahren waren. Pengo und ich hatten also freie Bahn und beschleunigten wieder, während wir uns in die lange Kurve legten. Der Helikopter nahm auch wieder Fahrt auf und so begann die Verfolgungsjagd abermals. Doch jetzt rückte das Ziel immer näher. Wir fuhren unter dem Schild hindurch, was auf den Flughafen hinwies, dicht unter dem Helikopter, der plötzlich wieder langsamer wurde, als wüsste der Pilot nicht mehr, wo er hinfliegen sollte.
Inzwischen waren Wolken aufgezogen. Es sah nach Regen aus.
Wir hatten nun die Seen hinter uns gelassen und Pengo und ich warfen uns einen kurzen Blick zu. „A2 Eo an A1 Pengo, bereite Luftangriff vor“, gab ich durch, was auch die Basis hörte. Pengo fuhr auf die Abfahrt zur Ulm Avenue. Die kleine kurvige Straße führte über einen riesigen Park- und Lagerplatz seitlich an den Flughafen heran. Ich positionierte mein Motorrad auf dem Mittelstreifen und schaltete den Autopiloten an, so wie Pengo es vorhin gemacht hatte. Unterhalb von mir sah ich noch wie Pengo mitten über die Kreuzung donnerte, ohne irgendwelche Verkehrsregeln zu beachten, um sofort auf die Ulm Avenue zu kommen, dann wandte ich mich mir selbst zu und atmete nochmal tief durch. Ich löste meine Hände vom Lenker und kontrollierte das Jetpack an meinem Rücken. Faltschirmzug, alles war abgesichert. Ich musste nur einen Schalter umlegen, da fuhr das Gerät schon hoch und klappte sich auf. Recht viel länger hätte ich es wohl auch nicht geschafft, mich gegen den Fahrtwind zu lehnen. Ich löste die MG4 aus der Halterung am Tank, hing sie mir um und kontrollierte den Granatenwerfer und die Munition, die an meiner Hüfte befestigt waren. „A2 Eo speaking, starte Luftangriff“, sagte ich mit dem Blick auf den Helikopter gerichtet. Meine Stimme zitterte ein wenig. „Viel Glück“, kam es noch von Pengo und ich war schon in der Luft.
Ganz anders als ich erwartet hatte, raste ich ziemlich stabil durch die Luft. Mein Motorrad fuhr jetzt durch einen ewig langen Tunnel unter dem Sydney Airport hindurch, aber trotzdem musste ich mich beeilen, denn der Treibstoff reichte nur für zehn Minuten.
Ich holte dem Helikopter unglaublich schnell auf und positionierte mich direkt hinter ihm, damit man mich nicht sehen konnte. Bei einem Blick nach unten konnte ich Pengo sehen. Scheiße ist das hoch, dachte ich mir, aber du wolltest ja diesen Job machen. Pengo konnte mich also auch sehen, das beruhigte mich etwas, obwohl mein Herz immer noch schrecklich klopfte. Ich hatte so einen Unterdruck auf den Ohren, dass ich beinahe nichts anderes als ein Pfeifen hörte, das Tosen des Helikopters war auch ganz dumpf geworden.
Nachdem ich mich also noch einen Herzschlag lang gesammelt hatte, entsicherte ich den Granatenwerfer. Ich hatte das unzählige Male im Windkanal trainiert, aber trotzdem hatte ich jetzt einen riesen Schiss, dass das Ding mir weg fliegt. Aber ich war ja im Windschatten des Helikopters, er trieb mich nur ständig nach unten ab, was das Schießen erschweren würde. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich noch etwas weiter absinken zu lassen und mich auf den Rücken zu legen. Zuerst strauchelte ich und mir wurde schwindelig, aber ich war so angespannt und konzentriert, dass ich meinem Körper keine andere Wahl ließ, als sich zu stabilisieren und das auf die Reihe zu kriegen. Noch ein kurzer Blick auf den Timer, es waren schon drei Minuten vergangen. Unfassbar. Ich zielte, legte meinen Finger auf den Abzug.
Aber dann – irgendjemand brüllte in mein Ohr. Das Funksignal übersteuerte total und ich verlor vor Schreck fast meine Stabilität. „Abbruch! Abbruch!“, rief Pengo und dann hörte ich die Basis auch noch irgendwas brüllen, im Hintergrund ein Alarm. Was war denn jetzt los?
„Achtung! A2 Eo Rückzug! Abbrechen!!“ „Sie haben eine Geisel!“, rief Pengo. „Was? Woher wollt ihr das wissen?!“, entgegnete ich gestresst. Mich ergriff die Angst. Das alles verzögerte meine Mission und ich hatte nur begrenzten Treibstoff.
„Sie haben Kontakt aufgenommen, hier ist gerade die Hölle los, Leute“, sagte eine andere Stimme aus der Basis. Es war unser Einsatzleiter Gordon, der nun anscheinend den Angestellten am Funkgerät beiseite gedrängt hatte und sich selbst darum kümmern wollte.
Ich brachte mich wieder in eine aufrechte Position und näherte mich dem Helikopter. Mein Plan war es mich an die Kufen zu hängen, allerdings musste ich höllisch aufpassen nicht in den Propeller zu geraten. Mein ganzer Körper tat inzwischen weh durch den Flugwind. Zum Glück hatte ich einen Helm. „Was machst du da?!“, funkte mich Pengo an, als ich schließlich die Kufe erwischt hatte und lachte nur laut auf vor Glück. Der Helikopter drehte ab in Richtung Wasser. Das war alles gerade sehr waghalsig und verrückt, aber ich hoffte mal, dass Pengo nicht gleich petzen würde, was ich hier gerade im Alleingang veranstaltete.
„A2 Eo, hörst du mich?“, rief Gordon und ich kam wieder aus meiner Euphorie, obwohl ich gerade erst die positive Wirkung des Adrenalins verspürte. „Ja, was mach ich jetzt?!“ „Sie haben sechs Geiseln in diesem Helikopter – bleib ruhig!“, erklärte Gordon mir. „Sechs!“ „Unsere Leute. Wir wissen nicht viel, aber sie sind aus Deck 4 der Beta-Station.“ „Heißt das, es könnten Kinder dabei sein?!“, rief ich erschrocken, „Und wieso haben die in Deck 4 erst jetzt bemerkt, dass Leute weg sind?!“ Ich wurde wütend. Ich wollte die Menschen retten. Die Staatsfeinde und den übernommenen Helikopter auszuschalten war auf einmal Nebensache geworden. Leben retten, anstatt zu töten.
„Es ist erst jetzt hier in der Basis angekommen. Ich sag doch, hier ist überall Chaos. Der Funk funktioniert ja auch nicht richtig.“
Ich hörte meinem Einsatzleiter gar nicht mehr richtig zu und nutzte die geringe Schubkraft auf die ich das Jetpack runter geschaltet hatte um Treibstoff zu sparen, um mich nach vorne zu hangeln. Wir flogen inzwischen über dem Botany Bay und das grüne Wasser, was sonst eine sehr beruhigende Wirkung hatte, machte mir jetzt noch mehr Angst als der Boden eben. Objektiv gesehen würde es beim Aufschlagen aus dieser Höhe keinen Unterschied machen, aber trotzdem. Jetzt würde mich Pengo gleich nicht mehr richtig sehen können. Und das wusste er anscheinend auch, denn er meldete sich schließlich doch bei der Basis und ich konnte mit hören.
„A1 Pengo speaking, A2 startet Übernahme des Flugobjekts“, meldete er hektisch und ich biss mir auf die Lippe, die inzwischen blutig schmeckte. „Was soll das, das war nicht geplant!!!“, wurde ich angebrüllt. „Ich rette die Menschen!“ Am anderen Ende wurde das Headset weggeschmissen.
Nach kurzer Zeit, wieder die andere Stimme. „Der Chef sagt, das wird gravierende Folgen für dich haben, A2.“
Anscheinend hatten mich die Piloten tatsächlich nicht bemerkt, denn jetzt flogen sie nahezu gemütlich an der Küste entlang. Wo wollten sie hin?
Als ich nun direkt unter der Tür – die vorteilhafter Weise bei dem Raub des Helikopter raus gerissen worden war – hing, biss ich die Zähne zusammen und ließ eine Hand los um den Schalter auf Normalbetrieb umzulegen und dann direkt danach runterzufahren. So nutze ich also die letzte volle Schubkraft um mich blitzschnell nach oben zu stoßen und bis ich mit den Schuhen im Helikopter gelandet war das Maschinengewehr zu ziehen. Bevor der Pilot und der Co-Pilot überhaupt nur mit der Wimper zucken konnten, hatte ich schon den dritten Mann im hinteren Bereich erfasst, der eine Waffe trug. Ohne zu zögern schoss ich ihn nieder, wodurch die zwei Männer vorne beinahe aus allen Wolken fielen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Pilot erschrak dermaßen, sodass der Helikopter kurz absackte und ich mich fast nicht auf den Füßen halten konnte. Hinter mir schrie ein kleines Mädchen. Oh Gott. Diese Tiere.
„Ganz ruhig bleiben, jetzt!“, schrie ich so einschüchternd wie ich nur konnte und schlug den Lauf meines Gewehr gegen den Kopf des Piloten. Dann erschoss ich den Co-Piloten. Der Pilot redete panisch irgendetwas ganz schnell in einer anderen Sprache und schaute zu seinem Kollegen rüber. „Wenn du leben willst, lande auf der Landzunge da!!!“

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