Wo die Liebe hinfällt

Stoße sie nicht weg. Wenn sie Dir Komplimente macht, nehme es an. Wenn sie Dich ansieht, weiche ihrem Blick nicht aus. Sie wird Dir aus heiterem Himmel sagen, wie schön Du bist, sie wird Dich länger ansehen, als sie sollte, nehme es an.
Sie wird Dich länger umarmen, als sie sollte, halte sie fest.

Sie wird Angst haben zu weit zu gehen. Immer. Sie wird denken, Du interessierst Dich nicht für sie, sie wäre nur eine Belastung.
Zeige ihr, dass es nicht so ist. Schenke ihr Zeit, schenke ihr freundliche Worte, ein offenes Ohr. Zeige ihr, dass sie mit allem zu Dir kommen kann, dass Du ihr helfen wirst. Denn wenn sie Hilfe braucht, wird sie zuerst an Dich denken. Aber sie weiß, dass sie nur irgendjemand ist und sie wird zögern zu Dir zu kommen, außer sie hat keine andere Wahl mehr. Hilf ihr, wenn sie keine andere Wahl mehr hat.

Sie wird dir vertrauen, vertraue auch ihr. Wenn sie Interesse zeigt, lass sie teilhaben.

Sie wird an Dich denken, während Du nicht an sie denkst.

Sie wird wissen, wenn Du keine Zeit hast, und sie wird ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Dir trotzdem schreibt. Wenn Du erst nach langer Zeit antwortest, sag ihr warum. Zeig ihr, dass sie ein Recht dazu hat, dass Du Dir jetzt die Zeit nimmst. Schenke ihr Aufmerksamkeit. Sei ausführlich, aufgeschlossen. Zeige Interesse, wenn sie Dir etwas erzählt.

Sie wird sich Sorgen um Dich machen. Immer. Sie wird sich dafür hassen und sich schwach fühlen.
Zeige ihr, dass du es schätzt, wenn sie trotzdem ehrlich und stark genug ist zu versuchen für Dich da zu sein.
Denn sie wird sich mehr Sorgen machen als jeder andere und sie wird nicht wissen, wie sie damit umgehen soll. Sie wird sich einreden, dass Deine Probleme sie nichts angehen, dass sie Dir nicht helfen kann.
Zeige ihr, dass das nicht so ist.  Erzähle ihr, wenn du gestresst bist, erzähle ihr, was Dich belastet. Beruhige sie, dass Du damit fertig werden wirst.

Wünsche ihr eine gute Nacht, bevor du gehst.

Sie wird Dich vermissen. Sie wird es nicht sagen, aber Du wirst es merken. Erinnere sie immer wieder daran, dass Du zurück kommen wirst. Immer wieder.

Sie wird Fehler machen. Sie wird Dich mitten in der Nacht, wenn sie allein mit ihren Gedanken ist, mit einem Problem zutexten und es hinterher bereuen, weil sie dumm und aufgewühlt war. Sie wird Dir Dinge sagen und Dich dann anflehen es zu vergessen.
Vergesse es nicht. Zeige ihr, dass alles okay ist. Verurteile sie nicht, sei nicht zu ernst. Wenn sie Angst vor der Welt hat oder meint, etwas falsch zu machen, falsch zu denken, falsch zu fühlen, zeige ihr, dass es okay ist. Verstehe sie, zeige ihr, dass ihre Gedanken nachvollziehbar sind. Sage ihr Deine Meinung, wenn sie die gleiche ist, aber auch wenn es eine andere ist. Bewege Dich mit ihr auf einer Ebene. Sie ist nur ein Mädchen, das in einen Mann verliebt ist. Respektiere sie.

Auch wenn sie nur ein Mädchen ist, nur irgendjemand. Auch wenn sie Dich niemals vergessen können wird, weil Du all das getan hast. Auch wenn sie den Sonnenschein missbilligen wird, weil der Himmel zu blau ist um Deinen Augen zu gleichen, während Du Dich nicht mal mehr an ihre erinnerst.

– wird sie selten aufgefangen.

Die fremde Magie

Kapitel 1 – The Woods: Das Geheimnis des Herzens


Während wir in das Boot steigen, verliere ich beinahe das Gleichgewicht, weil ich mich ununterbrochen umsehen muss. „Alma, geht es Dir gut?“, fragt Ariadne mich und ihr eindringlicher Blick lässt fast meine Mauern fallen. „Was? Ähm, naja, ich bin nass. Aber sonst…“ Ich lache verlegen und sie lächelt. In ihren Augen liegt immer noch Sorge, aber zumindest ein bisschen ist sie besänftigt. Als wir uns hingesetzt haben, fängt Isaac zügig an zu rudern. „Macht euch keine Sorgen. Es ist eben erst dunkel geworden, die Monster sind noch nicht aus ihren Löchern gekommen, wir haben nichts zu befürchten. Oder hast Du etwas gesehen, Alma?“ Ich zucke zusammen. Sofort blitzt in meinem Kopf wieder die sonderbare Kreatur mit den leuchtenden Augen aus der Höhle auf. „Nein!“ – Warum erzähle ich ihnen nicht davon? Isaac runzelt die Stirn. Aber er wirkt mehr belustigt über meine Ängstlichkeit, als skeptisch. „Wir sind ja gleich auf dem offenen Wasser“, beschwichtigt er mich mit einem warmen Lächeln und ich nicke.

Als wir endlich im Haus von Isaac und Ariadne ankommen, müssen wir erstmal durchschnaufen. Es hat auf dem Heimweg angefangen zu regnen und jetzt sind wir wieder komplett nass. „Puh“, seufzt Ariadne erschöpft. „Ich bin doch keine Wasserfee, das ist doch alles doof.“ Ihre Flügel hängen schlaff herunter und sie schüttelt sie traurig. Wassertropfen und Feenstaub rieseln glitzernd zu Boden. Isaac lacht und geht an uns vorbei in den Keller, wo sich sein Lager befindet. Ariadne und ich folgen ihm. Unten angekommen fängt jeder an den Inhalt seines Rucksack in die Schubladen einzusortieren. Das prasselnde Geräusch des Regens und das Klappern, während Ariadne und Isaac ihre Rüstungen ablegen, hallen durch die Etagen.
Mir fällt das vertrocknete Brot, das Ariadne gefunden hat, in die Hände und ich muss wieder an Gewyns Plan mit den Pferden denken. Als ich hierher gekommen bin, war Isaac gerade darüber eine Koppel zu bauen, aber das ist jetzt schon wieder etwas her, deshalb hab ich da gar nicht mehr dran gedacht.
„Wollen wir uns jetzt eigentlich noch mit den anderen beiden bei Ezra treffen?“, fragt Ariadne in die Runde und lächelt mich fröhlich an. Das tun wir nämlich normalerweise immer. Eigentlich, damit man nicht so einsam ist und sich vielleicht noch erzählen kann, was man den Tag über so geschafft hat. Aber wahrscheinlich auch deshalb, weil Ezra nicht nur das größte Haus von uns allen hat, sondern auch einen ziemlich tollen Pool.
„Ja, lass mal machen. Ich wollte Ezra sowieso noch was geben“, antwortet Isaac, „Aber wir müssen erst noch was trockenes anziehen, denk ich.“ „Seid ihr mir böse, wenn ich zu Hause bleibe? Ich bin müde…“, sage ich leise. Ariadne kommt zu mir heran und nimmt meine Hand. „Sollen wir Dich rüber bringen? Es ist dunkel!“ „Unsere Häuser sind nur ein paar Meter auseinander, das werd‘ ich schon überleben“, lache ich und wünsche den beiden eine gute Nacht.

Mein Schwert so sehr umklammernd, dass meine kalten Fingerknöchel weiß hervortreten, eile ich fröstelnd rüber in Richtung meines Hauses. Es liegt an dem kleinen See, in dem auch das von Isaac und Ariadne auf Stelzen gebaut ist, in einen Berg eingearbeitet. Da es noch recht unfertig ist, gibt es von vorne keinen richtigen Eingang und ich muss hintenrum den Berg hoch und dann durch die Felder, die dort angelegt sind. Hinter denen geht eine Treppe in den Berg rein und dort ist ein kleiner Raum mit einer Tür, die in mein Schlafzimmer führt, was auch gleichzeitig eine Art Arbeitszimmer ist. Der Weg ist recht verwinkelt, weshalb ich mir weniger Sorgen um Monster machen muss als auf der freien Fläche – trotzdem habe ich viel mehr Angst, als ich eben vor den anderen zugegeben hätte.
Ich trete meine Füße auf der rosa Fußmatte ab und gehe durch die Fichtenholztür ins Warme. Mir geistern die Worte „Sie hat ‚zu Hause‘ gesagt.“ im Kopf herum – ich habe sie Ariadne zu Isaac flüstern gehört, als ich gerade gegangen bin.
Isaac und Ariadne haben mir ihre Ressourcen zur Verfügung gestellt um dieses Haus hier zu bauen. Und er hat sogar viele Dinge hier drin selbst gemacht, weil er schon so viel Erfahrung gesammelt hat und keinen Grund sah, warum ich es hier nicht schön und gemütlich haben sollte. Aber trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen, ist es jetzt nicht unbedingt das hier, was zu meinem Zu Hause wird, auch wenn ich es vielleicht so nenne, sondern das sind eher Isaac und Ariadne – irgendwie. Soweit ich das einschätzen kann, sind sie zwar zu jung um meine Eltern sein zu können, aber irgendwie fühlt es sich manchmal so an.
Erleichtert stelle ich meinen Rucksack auf dem Boden ab und ziehe meine Rüstung aus um sie dann auf dem Rüstungsständer zu befestigen. Dann mache ich mich auf den Weg runter durch meine zukünftige Küche – der Raum ist bisher noch leer und auf einer Seite nicht einmal verkleidet – und dann über eine Leite noch ein Stockwerk weiter nach unten, wo sich mein Lager befindet. Hier sind die einzigen Öfen im Haus bisher, deshalb ernähre ich mich meistens nur von Fleisch, Brot und Rohkost, was nicht sonderlich aufwendig zu machen ist. Umso leckerer schmeckt es deshalb, wenn ich bei den anderen zum Essen bin.
Schnell nehme ich mir ein Stück Hühnchen und eine Flasche Apfelsaft mit und gehe wieder nach oben. Der lange Gang mit den vielen Schubladen ist zwar hell ausgeleuchtet und der rote Teppich verdrängt die Kälte und den Hall, aber durch die schiere Größe finde ich es schon irgendwie gruselig und halte mich hier deswegen nicht unbedingt gerne auf.
Während ich an dem etwas trockenen Fleisch – ich habe es bevor wir los gegangen sind in den Ofen gelegt – knabbere, räume ich einhändig meinen Rucksack aus. Neben ein paar Kleinigkeiten, hole ich das große rote Buch heraus, dass mir Isaac geschenkt hat, und lege es auf meinen Schreibtisch. Vielleicht schreibe ich nachher noch was rein.
Mit einem Taschentuch, das ich mir auf den Schoß lege, setze ich mich dann auf mein Bett und schaue durch die Fensterfront nach draußen, während ich esse. Auf der anderen Seite des Sees steht eine kleine Herde von Kühen, drumherum hier und da ein Skelett.
Ich habe mich früher immer gefragt, warum die Monster die Tiere, die hier leben, eigentlich in Ruhe lassen. Ich weiß es immer noch nicht, aber ich glaube, sie töten einfach aus Boshaftigkeit und Hass – Tiere würden vermutlich keine Reaktion zeigen, als instinktives Weglaufen und Panik. Entweder wäre das also zu langweilig oder es liegt tatsächlich daran, dass wir hier nicht hergehören… Aber das wissen wir ja nicht. Wir wissen ja nicht, wo wir herkommen oder wo wir hingehen.

Plötzlich klopft es heftig an der Tür und ich erschrecke. Im ersten Moment denke ich, da ist jetzt irgendein Ungeheuer, aber mal davon abgesehen, dass diese wohl kaum mit einem Klopfen um Einlass beten würden, sind Monster irgendwie generell nicht intelligent genug um eine Tür als etwas anderes anzusehen als eine Wand. Aber so ist man drinnen immerhin sicher.
Ich wische mir schnell die Hände ab und lege den letzten Rest meines Hähnchens mit dem Taschentuch auf den Schreibtisch, bevor ich zur Tür gehe. Dort erwartet mich eine Überraschung.
Ezra steht draußen. Als ich die Tür öffne, hat er gerade seine Schuhe ausgezogen und stellt sie neben der Fußmatte ab. Der Regen ist stärker geworden und er will wohl nicht den ganzen Dreck mit reinschleppen. Wie aus allen Wolken gefallen stammele ich irgendetwas und gehe einfach nur zur Seite, damit er eintreten kann. Er schlägt seine Kapuze zurück und zieht den nassen Mantel aus, den er an einen Haken hängt. Erst nachdem ich die Tür wieder geschlossen habe und er sich zu mir umdreht, bemerke ich, dass sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breitgemacht hat und verkneife es mir schlagartig. „Du warst heute gar nicht mit drüben“, stellt er fest. „Ich war müde. Die Höhlentour war anstrengend“, erkläre ich leise. „Und eine Belastung. Also, ich meine… da runter zu tauchen.“
Wie jedes Mal, wenn sein blauer Blick den meinen trifft, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es liegt Magie in seinen Augen. Und obwohl ich schon eine Weile in dieser Welt mit übernatürlichen Wesen wie den Untoten überleben muss, hab ich mich noch immer nicht an die Übernatürlichkeit Ezras gewöhnt. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich die Zombies und Skelette inzwischen kenne, aber Ezra kenne ich nicht. Ich habe ihn noch nie zaubern gesehen, das ist gerade das erste Mal, dass wir überhaupt allein in einem Raum sind. Die wirklich tiefer gehenden Konversationen, die wir hatten, könnte ich an einer Hand abzählen.
„Was wolltest du denn?“, frage ich, nachdem er immer noch schweigt. Ezra greift in die Innentasche seiner Weste und holt ein kleines braunes Buch heraus. Er gibt es mir und setzt sich auf den kleinen Bücherschrank, der an der Stirnseite meines Betts steht.
Das Buch ist zerfleddert und die Seiten fallen teilweise heraus. Das braune Leder ist mit einer modrigen Staubschicht, die teilweise abgegriffen ist, bedeckt. Unvermeidlich muss ich das Gesicht etwas verziehen, auch wenn ich gleichzeitig fasziniert bin, wo Ezra das wohl her hat, es muss ziemlich alt sein. „Isaac hat das in der Höhle gefunden“, klärt Ezra mich auf, während ich das Schriftstück aufschlage. „Ach, er meinte vorhin ja, er wollte Dir noch was geben.“
Als ich mich an vorhin erinnere, fällt mir auf, dass Isaac und Ariadne anscheinend nicht begründet haben, warum ich nicht dabei war, sonst hätte sich Ezra erstens nicht gewundert und wäre zweitens vermutlich gar nicht hergekommen, weil ich ja meinte, ich wäre müde. Eigentlich wollte ich gleich ja auch schlafen gehen, aber jetzt ist Ezra da. Nach so kurzer Zeit? Er muss die anderen ja regelrecht rausgeschmissen haben.
Mein leicht stirnrunzelnder Blick hängt an ihm, was mir erst nach ein paar Sekunden auffällt. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sieht er mich fragend an. Ich schüttele kurz den Kopf. „Waren die anderen gerade wohl nur kurz bei Dir drüben, damit Isaac Dir das geben konnte? Ich bin ja auch eben erst zur Tür rein.“ Er kratzt sich am Kinn. „Ehrlich gesagt, hab ich sie weggeschickt, weil ich Dir das sofort zeigen wollte. Sie wissen auch gar nicht, dass ich nochmal los bin.“ „Oh, aha…“ Tatsache. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und zünde die Kerze darauf an um das Buch etwas besser begutachten zu können. Nun sehe ich nämlich, dass die Schrift, die ich für eine unleserliche Handschrift gehalten hab, in Wirklichkeit eine ganze andere Sprache ist, die ich gar nicht lesen kann. Anhand der Skizzen am Seitenrand kann ich mir beim Durchblättern allerdings erschließen, dass es sich um das Memoire eines Minenarbeiters handeln muss, denn da sind Zeichnungen von Holzkonstruktionen, Mechanismen, Werkzeugen, sogar von Höhlenspinnen.
Höhle.
Ich muss an die Kreatur mit den leuchtenden Augen denken und meine Augen schweifen wieder ins Leere.
„Jaja, aber blätter mal weiter nach hinten“, sagt Ezra plötzlich direkt neben meinem Ohr und ich zucke zusammen. Während er die Seiten weiter blättert, starre ich auf seine Hand, als wäre sie ein fremdartiges Tier. Muss er sich so lautlos bewegen? „Entschuldigung“, in seiner Stimme hört man sein Grinsen. Wie peinlich.
„Da Isaac es ja in der Mine gefunden hat, wird es wohl von einem Minenarbeiter stammen“, erklärt Ezra. Er spricht leiser. Ich sehe ihn an. „Da steht alles Mögliche über Spinnen drin und eben auch… andere Kreaturen.“ Das warme Licht meines Zimmers glimmt in seinen Augen und seinen kurzgeschorenen roten Haaren, was wohl von dem Flackern der Kerze kommt. Er schaut mich erwartungsvoll an, ob ich ihm folgen kann. „Kreaturen, die es hier früher anscheinend gab.“ Ich blinzele und wende mich wieder dem Buch zu. „Also, früher, bevor wir da waren. Denn zumindest hab ich sowas noch nie gesehen.“ Auf der Seite, die Ezra aufgeschlagen hat sind Fußabdrücke abgebildet. Es sind Hufe, aber da es Paarhufe sind, können sie nicht von Pferden stammen. Für eine Kuh sind sie zu schmal und filigran. Ich muss an die Augen denken, die ich in der Höhle gesehen habe. Ich will es Ezra erzählen, aber ich habe wieder die gleiche seltsame innerliche Hemmung wie bei Isaac und Ariadne. Also versuche ich so entspannt wie möglich zu sein. „Gut, aber dass die Tiere, die wir kennen nicht schon immer so waren, ist doch gar nicht so abwägig, oder? Außerdem könnte es doch auch sein, dass wir einfach noch nicht alle gesehen haben. Selbst Du nicht.“ „Das ist richtig, was mich beunruhigt ist die nächste Seite“, entgegnet Ezra und blättert um.
Käfige, seltsame Instrumente, Knochen, Skelettstrukturen – auf einem ausgerissenen Blatt, das in das Buch geklebt wurde, mit einer anderen Handschrift. Es wirkt, als hätte der Besitzer des Buches, diese Seite von irgendjemandem gestohlen. Auf der Seite daneben ist ein Fließtext, der sehr hastig geschrieben wurde, die unteren Zeilen werden größer. Als ich das Buch in die Hand nehme, rutschen noch mehr Blätter ein Stück heraus, der Schrift nach zu urteilen, gehören sie zu dem Blatt mit den Käfigen. Bei dem obersten verziehe ich das Gesicht. Es zeigt die Skizze eines menschlichen Fußes, bei dem die Haut und teilweise die Muskeln entfernt wurden. Auf dem nächsten, das gleiche mit einem ganzen Arm, dann irgendein Organ, das ich wirklich nicht erkenne – ich lege den Stapel umgedreht auf den Tisch. „Mein Gott…“, murmele ich angewidert und werfe einen kurzen Blick zu Ezra. Er fährt sich durch den Bart. „Ezra reicht, hm.“ Ich lache ungläubig. „Sehr witzig.“ Gerade bevor ich irgendwas zu dem ganzen sagen kann, verdutzt mich die Zeichnung auf der nächsten Seite des Buches – eine Frau. Eine Frau, die durch den dünnen, drahtigen Körper und die sehr langen Haare eher einem Gespenst gleicht, aber sie bedeckt die volle Länge der Seite und der Zeichner hat sich sichtbar Mühe gegeben ihre Schönheit festzuhalten. Ich blättere weiter und versuche mir aus alle dem irgendetwas zusammen zu reimen, was nicht wirklich funktioniert. Auf den nächsten Seiten folgt wieder Fließtext, den ich nicht lesen kann. Dann am Ende ein unsicher hingekritzeltes Symbol – ich erstarre. Ich kenne das.
„Ja, so habe ich auch geschaut“, sagt Ezra. Er weicht mir aus, als ich aufstehe, und setzt sich dann wieder auf den Bücherschrank. Ich gehe mit dem Buch in der Hand zum Fenster, wo ich mich spiegeln kann, und schiebe mit der flachen Hand meine Haare nach oben, um das Symbol auf meiner Stirn freizulegen – die Ähnlichkeit mit der Skizze in dem Buch ist unübersehbar.
„Alma!“, sagt Ezra, der nun auf einmal wieder neben mir steht. „Ja, was denn!“ Ich sehe sein Spiegelbild an und dann wieder auf die Zeichnung. „Ja, sag doch was!“ Ich schüttele den Kopf. „Ja, keine Ahnung! Das da bin auf jeden Fall nicht ich!“, entgegne ich, während ich auf der Seite zuvor, energisch auf die Zeichnung von der Frau tippe. „Was auch immer das alles überhaupt miteinander zu tun hat.“ „Ja, das weiß ich auch…“ Ezra nimmt mir das Buch aus der Hand. „Nein, weißt Du nicht. Theoretisch könnte ich so aussehen, aber meines Wissens hast Du mich nie nackt gesehen!“
Gestresst gehe ich zum Schreibtisch zurück und schnappe mir das noch verbliebene Stück Hühnchen. „So hab ich das auch nicht gemeint! Ich mein… das ist ’ne Zeichnung, da…“ „Vergiss es. ‚tschuldigung.“ Ich nehme einen großen Bissen um nicht noch irgendwas sinnloses sagen zu können und warte jetzt einfach mal ab, was Ezra, der ja ach so schlau ist, dazu zu sagen hat.
„Ich will in die Mine, mit Dir.“ Ich verschlucke mich fast. „Nicht dein Ernst“, brumme ich und schlucke runter. „Du kennst Dich da wenigstens ein bisschen aus! Und außerdem…“ „Nein! Ich gehe da nicht nochmal runter!“ Ezra hebt abwehrend die Hände. „Gut. Dann gehe ich mit Isaac, der wird sowieso noch irgendwann den Rest der Höhle ausräumen wollen.“ „Nein.“ Er kneift irritiert die Augen zusammen. Ich wische meine Hände ab und werfe das zusammengeknüllte Taschentuch auf den Schreibtisch. Niemand von uns sollte da runter gehen. Verdammt. Ich muss es jemandem sagen. „Ich glaube, das ist keine gute Idee“, stottere ich. Ezra kommt vom Fenster her zu mir rüber. Jeder andere hätte mich mit Nachfragen durchlöchert, doch er drängt mich nur mit seinem Schweigen und seinem scharfen blauen Blick zu einer präziseren Aussage. „Ich… habe etwas gesehen.“ „Etwas?“ Ich seufze und setze mich auf den Schrank, er folgt mir, wobei ich ein Stück wegrutsche um Platz zu machen. „Da war irgendwas mit leuchtenden Augen, in der Höhle, kurz bevor ich über den Wasserfall wieder nach oben geschwommen bin. Die anderen waren schon oben.“ Skeptisch runzelt er die Stirn. „Es war total merkwürdig“, fahre ich fort. „Ich habe sehr seltsame Geräusche gehört, bei denen es nicht erkennbar war, aus welcher Richtung sie kamen. Und da war kein Körper. Nur… Dunkelheit. Wirklich, ich hab sowas noch nie erlebt.“ Er kratzt sich am Kinn. „Hm.“ Irgendwie sehe ich in seinen Augen, dass er jetzt erst recht da runter will.
„Weißt Du, warum ich das nicht in meinem magischen Inventar transportiert habe?“, er hält das Buch hoch. Gebannt starre ich darauf, weil mir das gar nicht aufgefallen ist. „Du hattest es in deiner Weste…“, murmle ich. „Es hängt irgendeine Magie daran, irgendetwas fremdes, was ich nicht kenne, deshalb funktioniert es nicht.“ Will er damit andeuten, dass das Ding, was ich gesehen hab, aus einer anderen Welt kommen soll? Deshalb die fremde Magie? „Verstehst du? Als würden die Gesetze dieser Dimension dafür nicht gelten.“
Ich sehe ihn an. Ratlosigkeit und Neugier sind Dinge, die ich selten in seinen Zügen gesehen habe. Und das fasziniert mich irgendwie. Ich warte darauf, dass Ezra weiter spricht, aber der Moment endet nicht. Er wirkt, als würde er seine Worte in Gedanken durchgehen, während er durch mich hindurch ins Leere starrt. Mir wird das irgendwie unangenehm, weshalb ich einen Blick zu der Uhr links neben meiner Fensterfront werfe – Ezra muss beinahe schon eine Stunde hier sein, obwohl mir das gar nicht so lang vorkam.
„Das gleiche hängt übrigens an Dir.“ Ich erschrecke mich, als er das Schweigen bricht, auch wenn ich es nicht zeige, und schaue ihn irritiert an. „Was?“, sage ich leise. Ezras Augen sind dunkel und eindringlich. Sie treiben meinen Herzschlag nach oben, nach wie vor. Ich weiß wirklich nicht, warum. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich vielleicht sogar ein bisschen Angst vor ihm habe. Wobei ich da wiederum auch nicht sagen kann, warum eigentlich. Der Mann ist ein einziges großes Rätsel.
So wie er mich allerdings gerade ansieht, bin ich das, glaube ich, selbst. Bevor ich mich aber in seinen geweiteten Pupillen verliere, muss ich die Reißleine ziehen.
„Können wir darüber ein anderes Mal reden?“, sage ich und ich muss etwas schmunzeln, weil ich automatisch flüstere und das irgendwie so dramatisch klingt. „Ich bin wirklich müde und das ist mir alles gerade zu tiefsinnig. „Ja, sicher…“, er steht auf. „Kein Problem. Da ergibt sich bestimmt was.“ Er nimmt seinen Mantel vom Haken und zieht ihn an, seine Augen nachdenklich nach unten gerichtet. „Entschuldige, dass ich Dich vom Schlafen abgehalten habe. Isaac meinte noch, Du wolltest ja ins Bett gehen.“ „Also doch.“ „Hm?“ Ich stehe auf und öffne ihm die Tür. „Naja, ich dachte erst, die anderen hätten gar nichts gesagt, weil Du ja trotzdem noch hergekommen bist… Aber schon okay.“ Ich lächele ihn an, als er dann draußen steht und lehne mich in den Türrahmen. Es ist sehr angenehm, dass Ezra Dinge auch einfach mal ohne Nachfrage hinnehmen kann.
Die frische Nachtluft klärt meinen Kopf ein wenig. Es ist ruhig, kein Geräusch zu hören, nicht einmal der Wind. „Naja, es war dringend“, meint Ezra und ich lache verlegen. „Oh, ja.“ Das habe ich nun auch verstanden. Und irgendwie war ich auch froh, noch etwas Gesellschaft zu haben, nach den Erlebnissen in der Höhle heute.
„Naja, dann. Komm gut nach Hause.“ Ich sehe ihn an und er nickt mit einem Lächeln. „Gute Nacht.“ Als er seine Kapuze überzieht und sich wegdreht, fällt mir gerade noch etwas ein. „Ach, Ezra?“ „Ja?“ Erwartungsvoll dreht er sich um. Sicherlich hofft er immer noch, dass ich doch mit ihm in die Mine komme.
„Ist Isaac eigentlich nichts aufgefallen an dem Buch? Hat er es sich angesehen? Hat er irgendwas gesagt?“ Er steckt die Hände in die Manteltaschen und zuckt mit den Schultern. „Naja, es ist bestimmt ziemlich dunkel da unten, und außerdem hat er das Mal auf Deiner Stirn vermutlich auch noch nie so wirklich gesehen.“ „Hm…“, murmle ich und richte meine Frisur, die ich ja vorhin zerstört hab. Er hat Recht, meistens sind da meine Haare drüber. „Aber Du hast es sofort erkannt? Wann hast Du es denn dann gesehen? So viele Möglichkeiten gibt es da ja nicht…“
Ich weiß, er achtet mehr auf sowas, als es die anderen vielleicht tun. Er ist sehr aufmerksam und merkt sich die Dinge auch.
„Ebenso wie ich sofort erkannt habe, dass die Frau auf der Zeichnung nicht Du sein kannst, Alma. Als ich Dich aus dem Wasser gezogen hab. Am Anfang.“ „Oh.“ Ich spüre, wie ich erröte. Ein bisschen Enttäuschung, aber auch Belustigung liegt in seinen Augen. Als hätte ich das wissen müssen. Ohne noch irgendetwas zu sagen geht er die Treppen nach oben ins Freie.
Ich schließe die Tür.
Am Anfang.

Prolog: Leere und Nacht

The Woods: Das Geheimnis des Herzens


Kummer ist mein Körper auf den Wellen. Das Salz der Gischt brennt auf meiner Haut. Trocken und nass, heiß und kalt. Die Sonne scheint. So finde ich mich wieder, mit dem Gefühl da draußen auf der Suche nach meinem Selbst gewesen zu sein, es aber nicht gefunden zu haben. Oder es erst verloren zu haben…

Hypnotisch schaukelt das Boot hin und her. Mit gleichmäßigen Bewegungen zieht Isaac die Ruder durch das Wasser. Die Sonne wird von seiner Rüstung reflektiert und erzeugt ein regenbogenfarbenes Spiel aus Licht und Schatten auf dem Gesicht von Ariadne, die nun bemerkt, dass ich sie ansehe. Sie lächelt und zupft sich eine Strähne ihres kupferfarbenen Haares aus dem Gesicht. „Wirst du auch nicht seekrank, Alma?“, fragt sie und grinst, „Du siehst etwas blass aus.“ Ich lache etwas verlegen und sehe nach unten. Der Wind hat die Seiten meines Buchs weitergeblättert, bis auf die paar Zeilen am Anfang, sind sie alle noch unbeschrieben. Isaac hat es mir gestern geschenkt – vermutlich wollte er mir eine Freude machen, bevor er mit mir darüber sprach, was für einen Anschlag er auf mich vorhat. Wir sind nämlich gerade auf dem Weg zu dem Ort, wo ich vor sehr langer Zeit aus dem Wasser gezogen wurde und somit mein Leben begann. Natürlich ist das nicht so lange her, dass mein Leben da tatsächlich begonnen haben kann, aber das erste, woran ich mich erinnern kann, ist, was ich eben in das Buch geschrieben habe. Und nur wenige Stunden später bin ich in diesem Fluss gelandet, aus dem sie mich dann gezogen haben. Ich sehe es als den Anfang meines Lebens, weil es sonst vermutlich geendet hätte.
Jetzt werden wir die Höhle hinab tauchen, die ich damals entdeckt habe, oder was auch immer sich in dem Spalt am Boden des Flusses befindet, in den ich, verwundet durch den Pfeil einer untoten Kreatur, beinahe gesogen worden wäre. Die beste Idee, die Isaac hätte haben können – aus irgendeinem Grund habe ich zugesagt.

Wir erreichen eine kleine Insel. Zwischen den teilweise mannshohen Sträuchern sieht man vereinzelte Schweine und sogar das eine oder andere Schaf herumsteigen und riesige Bambusgewächse ragen in den blauen Himmel. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in mir breit, wenn ich daran denke, dass ich die zarten, weißen Wolken gleich gegen ein dunkles Höhlengewölbe austauschen werde.
Eigentlich scheint die Sonne genauso, wie ich es gerade in mein Tagebuch geschrieben habe – wie an dem Tag, an dem ich angespült wurde. Damals schon habe ich mich gefragt, wie und wann die Tiere wohl auf diese kleine Insel gekommen sind, und jetzt frage ich es mich wieder, während Isaac das Boot langsam über den fast stillstehenden Fluss rudert. Jetzt mittlerweile weiß ich auch, dass weder Schweine noch Schafe freiwillig ins Wasser gehen, anders als Hühner zum Beispiel.
Rote, trichterförmige Blumen in verschiedenen Größen, teilweise kleine weiße und gelbe, Farne und Buchsbaumbüsche bewuchern den saftigen grünen Boden, zwischen dem Bambus wachsen vereinzelte Dschungelbäume, aber viel schlanker und mit weniger Blattwerk als es vermutlich im Regenwald der Fall wäre – so weit bin ich noch nie gereist. Wenn man nach unten sieht, kann man bunte Korallen an der Steilwand, die schließlich in das Flussbett mündet, erkennen, die sich in der sanften Strömung wiegen. Eigentlich sieht es schön aus, eine friedliche Umgebung. Und eigentlich hab ich auch gar nichts gegen Wasser.
Doch dann erkenne ich aufeinmal die Stelle wieder und mein Magen zieht sich zusammen. Ich bin froh, heute morgen nichts runterbekommen zu haben, sonst wäre Tauchen jetzt wohl keine gute Idee. „Da ist es.“ Ich zucke zusammen, als Ariadne kurz meine Hand drückt. Blinzelnd sehe ich sie an, die glitzernden Lichtreflexionen in ihren Flügeln blenden mich. Sie musste noch weniger Lust auf das Wasser haben als ich, Feen sind echt nicht zum Schwimmen geeignet.
„Vielleicht möchtest Du doch lieber oben warten?“ „Deshalb bin ich nicht mitgekommen“, entgegne ich. Es überrascht mich, dass ich das Zittern meiner Stimme eigentlich schon beim zweiten Wort unterdrücken kann. „Außerdem wäre das auch nicht wirklich schlau“, wirft Isaac ein, „Schließlich wird es irgendwann auch dunkel und dann kommen die Monster.“

Der Anfang meiner Erinnerung besteht quasi darin, dass ich in diesem Fluss beinahe ertrunken wäre, natürlich habe ich Angst. Aber ich will selbst sehen, was da unten ist, und außerdem gibt es in dieser Welt weitaus schlimmere Dinge – auch wenn ich sie noch nie gesehen habe. Aber Isaac und Ariadne sind schon viel länger hier. Und Ezra, der jetzt gerade mit Gewyn zu Hause in Sicherheit ist und unser Hab und Gut hütet – Ezra ist schon so lange hier, dass er sich selbst nicht mehr daran erinnern kann, wie er hergekommen ist – Zumindest sagt er das immer. Da er ein Hexer ist, liegt es vielleicht in seiner Natur mysteriös zu sein, aber dennoch glaube ich, dass er viel mehr weiß und sich an viel mehr erinnern kann, als er zugibt. Das kaufe ich ihm nicht ab. Aber in einer anderen Sache, glaube ich ihm aufs Wort – dass es in dieser Welt Orte gibt, die man nicht auf natürlichem Wege erreichen kann, die man sich nicht mit einem natürlichen Verstand vorstellen kann. Ich möchte aber gar nicht wissen, ob er sie gesehen hat. Ob er dort vielleicht herkommt.
Jedenfalls kann unter diesem Fluss nicht das Ende der Welt liegen, es ist vermutlich weitaus harmloser – das nicht zu vergessen fällt mir eindeutig schwerer, als wir dann im Wasser sind.
Es ist kalt, aber nicht zu kalt, schließlich sind wir hier in einem tropischen Biom. Ariadne, Isaac und ich schwimmen bis zur Mitte des Flusses, Isaac taucht ohne Vorwarnung als erster ab. Ariadne und ich müssen folgen.
Um mich herum wird es still. Die Geräusche der Luftblasen, die wir aufgewühlt haben, ebben ab. Die Schafe verstummen, das Rauschen der Wellen verstummt. Mit gleichmäßigen Zügen bewegt Isaac sich auf den breiten Spalt im Sandboden zu, ich falle hinter Ariadne, die eben noch direkt neben mir war, zurück und starre in den weißen Sand, auf dem sich das Muster der Wasseroberfläche abzeichnet.
Meine Angst verstummt. Ich höre nur noch meinen Herzschlag und die dumpfen Geräusche unserer Schwimmbewegungen. Es ist friedlich. Ich beschleunige um den anderen hinterher zu kommen, als Ariadne sich nach mir umsieht. Friedlich – so ist, wenn das einzige Geräusch ein gleichmäßiges Klopfen ist, anstatt einem sich beinahe überschlagenden Rasen. Ohne das Kreischen in den Ohren, ohne den Schmerz, ohne das Blut.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt eine Erinnerung vor meinen Augen auf – Ezra, wie er meinen Oberarm packt und mich nach oben zurück zur glitzernden Oberfläche zieht – kurz bin ich desorientiert, weil anstatt dieser vor mir der Sandboden ist. Eine Erinnerung, nicht wie ich sterbe, sondern an Ezra, der mich rettet.
Zuversichtlich lasse ich mich von dem Sog, der jetzt gar nicht mehr so stark wirkt wie damals, erfassen und sinke direkt hinter Ariadne in den Spalt.
Es wird dunkel und mit gurgelnden Geräuschen trägt das Wasser uns hinab. Mir wird etwas schwindlig, deshalb schließe ich die Augen. Ich taste um mich und meine Finger schleifen an einer bewachsenen Felswand entlang – weich, schwammig. Gerade als die Luft langsam knapp zu werden beginnt, treffen meine Füße plötzlich unsanft auf den Boden und ohne, dass ich wirklich merke wie, bin ich wieder an der Luft und strauchle beinahe, durch die plötzliche Schwerkraft und die neuen Eindrücke. Isaac stützt mich, damit ich mein Gleichgewicht wieder finde. Ich wische mir das Wasser aus dem Gesicht und blinzele, während meine Augen sich an das schwummrige Licht gewöhnen. Das Rauschen des Wassers gemischt mit einem und dem Rumoren einer Lavaquelle hallen durch die kleine Höhle, in der wir uns befinden.
„Das habe ich mir schon gedacht“, bricht Isaac die Stille und zeigt zum Ausgang der Höhle. „Es ist eine Mine.“
Beinahe in der Dunkelheit verblassend sieht man ergraute Holzplanken, die einen Gang formen. Schienen kann ich keine erkennen, aber es ist auch wirklich sehr dunkel. Isaac geht los und Ariadne, deren Flügel jetzt etwas traurig und schlapp nach unten hängen wirft mir einen Blick zu, der sagt „Geht es dir gut?“. Ich lächele, nein, ich grinse sogar, denn ich habe es überstanden. „Das scheint sich ja jetzt wirklich ganz schön zu lohnen“, beschwichtige ich sie und wringe meine Haare aus. „Ja, hoffentlich! Umsonst will ich mich nicht nass gemacht haben!“ „Kommt ihr jetzt mal?“, drängt Isaac, der schon einige Meter weg ist. Ariadne und ich lachen und folgen ihm, sie greift nach der Hand des Grauhaarigen und so gehen wir einige Zeit lang schweigend nebeneinander her. Isaac steckt die Wände mit Fackeln ab, bis wir schließlich an eine Kreuzung gelangen.
Zu beiden Seiten führen schmale Gänge weg, in denen Schienen verlegt sind, die teilweise von Moosen und Flechten überwuchert und damit kaum mehr sichtbar sind.
Geradeaus geht es auch noch weiter, aber wir beschließen uns aufzuteilen und die Bereiche links und rechts von diesem Hauptweg getrennt zu erkunden, da es sowieso recht eng ist und wir so auch schneller vorankommen.
Isaac überträgt uns die Hälfte der Fackeln und macht sich nach rechts auf, während ich mit Ariadne nach links gehe. Ich überlasse ihr das Ausleuchten, da ich mich mit magisch komprimierten Objekten echt schwer tue. Kurze Zeit, nachdem ich hier hergekommen bin, wollte Ezra mir einmal erklären, wie man Gegenstände unabhängig von der Größe zu einem Stack von bis zu 64 Stück komprimieren kann, obwohl ich das schon von Anfang an gesehen und gemacht habe, und seitdem habe ich das Gefühl, dass diese Welt zwar so funktioniert, so wie die Sonne im Osten auf und im Westen untergeht und so wie man atmet und rennt und Wasserfälle nach oben schwimmt und so wie Magie durch alles läuft, als wäre sie Luft und Wasser und Erde – aber dass Ezra eben eine andere Sicht darauf hat.
Ich glaube, er kommt aus einer anderen Welt und er weiß das. Es ist angsteinflößend. Faszinierend, aber angsteinflößend. Vielleicht kommen wir alle aus dieser anderen Welt und deshalb finde ich komprimierte Objekte befremdlich.

„Alma? Hörst du mir überhaupt zu?“ Ich zucke zusammen und sehe Ariadne an. Sie hockt ein paar Schritte weiter vor einer Lore mit einer Kiste darin, an der sie sich gerade zu schaffen macht. „Ähm, was?“ „Anscheinend nicht“, lacht sie und hält einen bräunlichen Klumpen hoch. „Ich hab dich gefragt, ob du denkst, dass man das noch essen kann.“ Ich trete näher und bei genauerem Hinsehen kann ich erkennen, dass es sich um ein Brot handelt. Ich muss grinsen. „Das sieht aus, als könnte man damit jemanden erschlagen.“ Ariadne zuckt mit den Schultern und steckt es in ihre Tasche. „Gewyn kann es vielleicht seinen Ponies geben“, sie steht wieder auf und ich werde hellhörig. „Ach, warte mal, hat er dich eigentlich schon gefragt? Er wollte morgen zu der großen Ebene nördlich von zu Hause gehen und Pferde zähmen.“ Meine Mundwinkel gehen nach oben und zügig laufe ich Ariadne hinterher, die schon ein paar Schritte weiter ist. Ich habe noch nie ein Pferd gesehen und Gewyn weiß das, wir haben öfter mal darüber geredet. „Und da soll ich mit?“, frage ich Ariadne mit einem breiten Grinsen. Unsere Schritte hallen durch das Tunnelgewölbe, während wir den Gang weiter gehen. „Ja, genau. Bestimmt fragt er dich heute Abend danach, wenn wir uns alle bei Ezra treffen.“

Ariadne und ich beginnen damit Eisen und Rotstein aus den Felswänden zu schlagen. Ich versinke in Gedanken über die Pferde und die anderen Tiere hier und darüber, ob sie auch aus einer anderen Welt kommen oder ob sie hier her gehören und deshalb auch nicht von den Untoten angegriffen werden.
Ariadnes Flügel sind irgendwann wieder trocken und sie sagt, dass sie unterirdisch wirklich nicht gut aufgehoben ist, weil es kein Licht gibt und sie nicht fliegen kann. Außerdem ist es auch irgendwie dreckig.
Ich vergesse die Zeit. Irgendwann werden wir von einer Höhlenspinne überrascht und ich weiß nicht, ob ich mehr vor der oder vor Ariadnes Kreischen erschrocken bin – jedenfalls bin ich danach wieder wach – die Dunkelheit und die Eintönigkeit unserer Umgebung gepaart mit den Wassertropfen, die teilweise aus dem Stein sickern, und dem Hallen, mit dem die Geräusche unserer Schritte und unsere Spitzhacken sich in die Finsternis ausbreiten, haben mich in eine Art Trance versetzt. Ohne, dass wir nur ein Wort darüber diskutieren müssen, ist es beschlossene Sache, dass wir uns auf den Rückweg machen – beziehungsweise, dass ich Ariadne auf den Rückweg folge, denn während ich die Spinne erschlagen habe, war sie schon einige Meter weg geflüchtet und hat das Spektakel sich panisch an ihrer Fackel festklammernd aus der Entfernung beobachtet.

Mit zügigen Schritten gehen wir zurück zu der Abzweigung, wo wir uns von Isaac getrennt haben. Mir läuft immer wieder ein Schauer über den Rücken und die Schatten, die das Licht der Fackeln auf die unregelmäßige Felswand wirft, scheinen uns wie lange schwarze Flammen hinterher zu züngeln. Ich möchte hier auch nicht länger bleiben, vor Allem jetzt nicht mehr, da mir klar wird, dass wir wohl eigentlich wahnsinniges Glück hatten, nicht noch mehr ekelhaftem Getier begegnet zu sein.

Als wir wieder beim Ausgangspunkt ankommen sind setzen wir uns auf einen kleinen Vorsprung in der Wand und ich krame aus meinem Rucksack zwei mit Hähnchen und Käse gefüllte Tacos heraus, von denen ich einen Ariadne reiche. Sie seufzt zufrieden und beißt hinein. Von neuen Lebensgeistern erfüllt, scheint sie den Schrecken von eben, wegen der Spinne, gleich vergessen zu haben und man könnte fast schon meinen, ihr Gesicht würde wieder etwas mehr Farbe annehmen. Es gibt wirklich genau zwei Möglichkeiten, mit denen man ausnahmslos in jeder Situation ein Lächeln auf Ariadnes Gesicht zaubern kann: Isaac und – Essen.
Ersterer taucht nach einiger Zeit tatsächlich auch im Dunkel des Tunnels auf. Isaacs silbergraues Haar ist von Spinnenweben bedeckt und ein Kratzer ziert seine Wange. „Na, dass ihr schon wieder zurück seid und euch hier verköstigt, war ja klar“, brummt er scherzhaft und setzt die Spitze seines Schwertes auf dem Boden ab, die Hand locker darauf abgestützt. Ariadne steht auf und legt ihren Taco mit dem Papier auf dem Vorsprung ab. „Wie’s aussieht war bei dir etwas mehr los?“, stellt sie besorgt fest und geht zu ihm. Isaac schieb sein Schwert in die Scheide und nimmt seinen Rucksack ab. „Ich hab ein Spinnennest gefunden. Und ihr so?“ Ariadne lacht und streichelt seinen Bart. „Das sieht man, hat dich eine erwischt oder was war das da?“ Sie deutet auf den Kratzer. Isaac räuspert sich nur ausweichend und nimmt seine Fee in den Arm. Ich schmunzle in meinen Taco hinein – die beiden sind so süß.

Nachdem Isaac auch noch einen Bissen gegessen hat, machen wir uns zu dritt auf den Weg zurück zum Eingang und ich berichte ihm, was Ariadne und ich so alles gesammelt haben.
Obwohl ich jetzt weiß, dass ich vor dem Wasser keine Angst mehr haben muss, habe ich irgendwie noch weniger Lust mich nass zu machen als auf dem Herweg – ganz zu schweigen von Ariadne. Wir drücken uns also beide davor zuerst hochzuschwimmen, aber Isaac meint, dass er sowieso gerne die Vorhut machen würde, um sich zu versichern, das oben am Ufer keine Monster lauern. Immerhin haben wir uns jetzt an die Kühle der Höhle gewöhnt, weshalb das Wasser sich wesentlich wärmer anfühlt, als vorhin, als wir aus der Sonne abgetaucht sind.

Isaac dringt also wie geplant als erster in den Wasserfall und Ariadne folgt ihm, sobald er weit genug voran geschwommen ist. Ich warte einen Moment und steige dann auch über das Geröll, worüber das Wasser sich in der Höhle ausbreitet, wobei ich mich an der feuchten Felswand festhalte. Plötzlich habe ich das Gefühl es wird kalt in der Höhle, als wehe ein Wind von der Mine her, obwohl ich keine Luftbewegung spüre. Ich schiebe es auf mein Unwohlsein unter der Erde und will einfach nur schnell raus hier jetzt. Als ich einen Fuß in den Wasserfall setze und das Plätschern lauter wird, höre ich plötzlich ein seltsames Geräusch hinter mir, dass ich überhaupt nicht einordnen kann. Wegen der sonderbaren Kälte, die sich in der Höhle ausgebreitet hat, fühle ich mich sowieso schon unwohl, aber trotzdem halte ich nochmal an um zurück zu schauen.
Zuerst denke ich, das Licht, das aus dem Höhlengang heranstrahlt, kommt von den Fackeln, die wir in der Mine angebracht haben, aber es hat eine sonderbare violett-purpurne Farbe und rückt flackernd näher, verschwindet dann wieder, glimmt wieder auf – wieder die eigenartigen Geräusche. Ich starre in die Dunkelheit, als würde sie meinen Blick aufsaugen. Da das Licht weg ist, glaube ich fast schon mir das irgendwie nur eingebildet zu haben, doch dann pötzlich blitzen zwei hell glühende Augen im Schwarz auf und ein kehliges Geräusch bröckelt an mein Ohr, als würde es aus meinem eigenen Kopf kommen, wie ein fremdartiges Gurgeln oder Knurren, eine Stimme, die irgendetwas sagt, aber erstickt wird – ich fahre zusammen und versuche meinen Blick von den leuchtenen Schlitzen zu lösen, während ich unter das Wasser taumele. Das Knurren wird zu einem  leisen Rauschen und Dröhnen, aber als ich Wasser ins Gesicht bekomme, ist es weg. Ich schwimme nach oben und kann die zwei Augen in der Höhle erkennen, näher als eben, aber ich sehe keinen Körper, es ist zu dunkel.
So schnell ich kann schwimme ich nach oben. Panik steigt in mir auf, weil ich erstens keine Ahnung hab, was das gerade war oder ob es mir folgt, und zweitens, weil ich in der Eile nicht genug Luft geholt habe. Ich versuche ruhig zu bleiben um nicht noch mehr Sauerstoff zu verbrauchen. Mir kommt der Wasserfall auf einmal viel enger vor, als beim Weg nach unten und ich stoße auch zwei Mal an den scharfkantigen Korallen an und schürfe mich auf. Als ich endlich am oberen Ende angekommen bin stoße ich mich aus dem Riss im zerklüfteten Flussbett ab und sehe die Oberfläche – es scheint Nacht geworden zu sein. Mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen, aber ich kann die Zeit, die ich beim hoch Schwimmen durch den Wasserfall verloren habe, jetzt wieder reinholen. Endlich an der Oberfläche angekommen schnappe ich nach Luft, wobei ich fast Wasser schlucke. Um mich herum dreht sich alles und ich habe das Gefühl nicht richtig sehen zu können, was aber auch an der Dunkelheit liegen könnte. Ariadnes fluoreszierende Flügel ziehen meinen Blick auf sich und ich kann mich orientieren – sie steht bereits im Boot.
Eine starke Hand greift meinen Unterarm und ich muss mich in Bewegung setzen. Angestrengt atmend zieht Isaac mich in Richtung Ufer. Kalter Wind trifft auf meine nassen Haare und dann auf meinen ganzen Körper, als wir aus dem Wasser steigen.

Hallo!

Wie Du siehst, ist dieser Blog jungfräulich.

Wenn Du schon einmal da warst und Dir etwas an den alten Dingen lag, tut es mir leid, dass sie fort sind, aber Du wirst darüber hinwegkommen.
Dann wirst Du vielleicht auch gelesen haben, dass ich 2017 einiges anders machen möchte und damit beginne ich jetzt endlich.

Die alten Beiträge mit den Let’s Plays und dem ganzen anderen Zeug, fühlten sich für mich nur an wie ein schlammiger Boden, auf dem ich keine Schritte in eine neue Richtung machen kann. Deswegen, habe ich sauber gemacht – ein weißes Blatt Papier geschaffen, viel Platz für neue Ideen.

Sicherlich werden Dir hier Dinge aus der Vergangenheit wieder begegnen, irgendwelche Werke, die ich ausgrabe oder Dinge, die ich revue-passieren lasse, wenn ich mich hier über irgendein Thema auslasse, wo sie eben reinpassen oder ausschlaggebend waren.

Wenn Du ganz neu hier bist, scrolle doch nach unten, dort findest Du meine Social Media – Vielleicht magst Du mich ein bisschen besser kennen lernen, bevor Du mich auf dieser Reise hier begleitest – Falls Du nicht sowieso von Twitter kommst!
Twitter ist übrigens ein sehr gutes Schlagwort, da kannst du auch gerne Stöbern, wenn Du aktueller dabei sein möchtest und Dir die literarischen Ergüsse hier zu hoch sind.

Zu guter letzt möchte ich Dich noch auf diese Introduktion aufmerksam machen, die solltest Du Dir auf jeden Fall ansehen um zu verstehen, was du auf diesem Blog in Zukunft so alles lesen könntest.

Ich lasse Dir die hier da, denn Obst ist gesund! 🍌

– Sabi aka Eleonora